Donnerstag, 3. Dezember 2015

Salvador und Ilha de Tinharé

In Salvador ist es heiß. Das Wetter der letzten Tage hatte es angekündigt, aber der ständige Fahrtwind an Deck hat es uns nicht so sehr spüren lassen. Silvia, Marco und ich laufen einige Minute ziellos durch die Gegend, dann entscheiden wir uns für ein Taxi und lassen uns zu unserem Hostel fahren. Die Fahrt kostet uns 2,50€ (etwa $11 BR). Wir beziehen unsere Zimmer und staunen ein bisschen. In meinem Zimmer stehen neben dem Doppelbett, in dem ich schlafe, noch zwei Doppelstockbetten, obwohl ich das Zimmer alleine bewohne. In Silvias und Marcos Zimmer stehen neben ihrem Bett noch drei Doppelstockbetten und ein Ausklappsessel. Meine Wände sind teils gekachelt, teils mit Stoff verkleidet. Mein Bad ist noch kleiner als das auf dem Schiff und meine Dusche funktioniert nicht. Vor meinem Fenster hängt Wäsche zum Trocknen. Ich staune ein wenig. Meine Klimaanlage hat etwa die Lautstärke eines Presslufthammers. Aber: es ist alles sauber. 

mein Palast.

Als ich mich damit abfinde, dass ich am ersten Abend nur Katzenwäsche machen kann und versuche meinen Fuß ins Waschbecken zu stellen, kippt die komplette Armatur zu Seite. Ich fange sie auf und stecke alls wieder zusammen. Sieht aus wie davor.
Wir gehen auf den zentralen Platz der historischen Altstadt und setzen uns in ein Café. Dort checken wir erstmals seit über einer Woche unsere E-mails, trinken ein eiskaltes Sprudel und kühlen unter der Klimaanlage ab. Es sind gefühlt 300°C und es wird noch heißer. Nach dem Mittagessen erfülle ich mir einen kleinen Traum, für dessen anschließende Freude mich Marco und Silvia in den kommenden Tagen noch mehrfach verarschen: Ich trinke eine frische Kokosnuss. Nach einem Mittagsschlaf treffen wir uns wieder und stellen fest: es ist plötzlich etwa 10°C kälter und es weht eine angenehme Brise. Silvia und Marco wollen einen Kaffee trinken, danach machen wir einen Spaziergang in die ‚Lower City‘ und regeln das Telefonproblem, das Marco seit dem Mittag umtreibt. Der Fachmann löst es Dank Google-Translator spielend. Und dann hat er noch eine kurze Frage: Ob ich finde, dass Rooney oder Neymar Jr. der bessere Spieler sei. Ich entscheide mich aus meiner Unwissenheit heraus für Neymar und habe offensichtlich alles richtig gemacht. Er grinst mich breit an und nickt.

Die Gegend rund um den Praça Municipal gilt heute als historisches Zentrum von Salvador. Tatsächlich ist es die einzige Ecke, in der die historischen Gebäude erhalten und restauriert werden. Überall sonst werden Verfall und Neubau großgeschrieben.

VWs in allen Formen, Farben und Altersklassen dominieren hier das Straßenbild. Der T2 siegt, dicht daran der Beatle.

Das ist Käsekuchen (nicht zu süß) mit kandierten Tomaten und einer sehr süßen Tomatensauce. Es schmeckt fantastisch.

ein Traum wird war. 2 $BR (50 cent) kosten mich diese 400 ml Kokosmilch.
Am nächsten Morgen frühstücken wir im Hostel. Es gibt verschiedene Säfte, ein Stück Papaya, ein Stück Mango und ein Stück Ananas. Dazu ein olles Weißmehlbrötchen und ein Zitronenkuchenteilchen, bei dem ich mich beherrschen kann. Anschließend suchen wir vergeblich nach einer Wäscherei und landen zum Mittagessen wieder in dem Café, in dem wir schon am Tag zuvor zu Mittag gegessen haben. Ich mag es wahnsinnig gerne. Alles daran gefällt mir. Das freundliche Personal, die Dekoration, das besondere Essen. Um 15.00 Uhr mache ich mich auf um an einer Free Walking Tour teilzunehmen. Zu meiner großen Freude treffe ich Arnold und Nicole wieder. Pedro, unser Guide, nimmt uns mit durch verwinkelte Ecken, laute Straßen und enge Gassen. Er erzählt uns, was alles in seiner Stadt schief läuft und macht uns auf Seiten von Salvador aufmerksam, die man sonst nie sehen würde (nicht zuletzt, weil man sich einfach nicht trauen würde, dort alleine hinzugehen).

Das ist Guavensaft. In Brasilien gibt es die krassesten Obstsorten. Alle sind relativ süß. Kein Grund für die Brasilianer, nicht trotzdem zu JEDEM SAFT Zucker dazu zupanschen.
Pedro kommt eigentlich aus Rio. 'We Brazilians used to be good at two things. 1st Football. If you are from Germany, keep it to yourself. 2nd fear mongering. This is the one thing that is left. We want people to be scared of us. Don't use your phone in public, don't walk around in the dark. Do not, because we want you to be scared.' Und dann erklärt er uns, dass die Polizei und die Souvernirhändler eine korrupte Gang sind, weshalb die Polizei die Touristen aus 'Sicherheitsgründen' immer wieder auf die populären Plätze zurück schickt, falls sie mal vom Weg abkommen. Denn dann können sie noch mehr in Asien gefertigten Plastikmist kaufen. Und deshalb ist es ganz praktisch, dass alle Touristen nonstop Schiss haben, überfallen zu werden.
In Brasilien gibt es ein Gesetz, dass besagt, dass Hausbesetzer, die ein Haus mehr als fünf Jahre lang besetzen ohne, dass der Besitzer Besitzansprüche erhebt, zum Besitzer des Hauses werden. Die Familie des kleinen Mädchens mit der Puppe wohnt nun bereits sei 7 Jahren hier. Nichts ist passiert. Deshalb setzen Pedro und co sich mit einer Crowdfunding-Kampagne dafür ein, dass die Familie einen angemessenen Rechtsbeistand und Unterstützung erhält. Die Terrasse auf der wir sitzen ist ungefähr 150 Stufen über der Stadt. Hier hört man genau ein Geräusch: das Zwitschern der Vögel.
Da Salvador an mehrere sehr steile Hänge gebaut ist, wurden gerade in den 1800ern viele Aufzüge installiert.  Die Sklavenhalter stiegen ein, gleichzeitig mussten die Sklaven den Hang hochrennen um rechtzeitig da zu sein, um ihren Haltern die Tür zu öffnen. Noch heute gibt es in Großstädten wie Rio oder São Paulo typischerweise zwei Aufzüge in Häusern. Einen hübschen große für Gäste und Bewohner, einen kleinen hässlichen für Putzfrauen und Müll. Im Rahmen eines Antidiskriminierungsgesetzes soll nun verboten werden, dass Putzfrauen den hinteren Aufzug nutzen müssen. Denn es dürfte nicht schwer zu erraten sein: die meisten Putzfrauen sind schwarz.
Dies ist der älteste Barbershop Salvadors. Er existiert so wie er ist seit über 100 Jahren. Die Männer verwenden keine elektrischen Geräte, sondern nur Klingen und Scheren. Da in dem Stadtviertel aber sämtliche Wohnhäuser in Parkanlagen umfunktioniert werden, gehen ihnen nach und nach die Kunden aus. Das ist eine typische Entwicklung hier in Salvador.
Auf einem kleinen Markt in der Innenstadt gibt es die wunderbarsten Obstsorten. Ich esse eine super saftige Caju (Cashew) Frucht, die quasi unmöglich zu exportieren ist, weshalb wir in Deutschland eigentlich nur den Kern kennen (der übrigens links außen an der Frucht hängt).
Dieses unglaublich schöne Haus ist sinnbildlich für die stadtplanerische Entwicklung Salvadors. Für 250 000€ hat der Eigentümer das Grundstück erworben.
Dann hat er die Wände in der ersten Etage eingezogen und das ganze zum Parkplatz umfunktioniert.
Salvador war der größte Sklavenumschlagplatz außerhalb von Afrika. Auch heute noch sind 80% der Stadtbevölkerung schwarz. Bis zu einem Alter von 50-55 Jahren mussten die Sklaven schuften, dann wurden sie 'unbrauchbar' und waren frei. Einige Sklavenfamilien haben diesen unbeliebten Ort unter den Bögen eines Viadukts genutzt und ihre Wohnhäuser hineingebaut. Die erste Etage sind dabei immer Werkstätten, in allen Häusern sind Handwerksbetriebe. Der französische Reiseführer Routard schrieb über die Ladeira da Conceição da Praia, dass man sie dringend meiden solle. Ich finde sie großartig. Der Bürgermeister der Stadt hat nun auch ihr Potenzial entdeckt und will die Leute (traditionell schwarze Familien, die von Beginn an hier gewohnt haben) raushaben. Stattdessen sollen hier hippe Boutique-Hotels einziehen.

Ich frage, ob ich ihn photographieren darf, er nickt und lächelt (was man hinter seinem Mundschutz kaum sieht).  Sicherheit am Arbeitsplatz wird in Brasilien kleingeschrieben.
Die Ladeira da Conceição da Praia geht (wie die meisten der Straßen hier) sehr steil bergauf. Am oberen Ende erwartet uns  der Blick auf den Hafen. Und dieser Sonnenuntergang.

Nicole finde ich noch ein bisschen superer, als sie sich auf dem Heimweg an einem Straßenstand gemischtes Popcorn holt, das mit gesüßter Kondensmilch übergossen und Koksraspeln bestreut wird.

Abends nehme ich an einem Cocktailworkshop in einer Szenenbar im Zentrum teil. Eine der Nomadinnen vom Boot hält ihn und es sind viele bekannte Gesichter gekommen. Ich mixe meinen ersten eigenen Mojito, lerne über den Unterschied zwischen Rum und Cachaça und habe einen großartigen Abend. Im Freestyleteil erfinde ich einen Cocktail, in dem ich etwas Ananas,  Limette, Thaibasilikum, Ingwer, Cachaça und Chili zusammenpanische. Ich nenne ihn in aller Bescheidenheit 'The Miracle'. Er kommt gut an. Am nächsten Morgen packen wir früh, denn wir fahren auf eine Insel vor Salvador, die Ilha de Tinharé.

Nicole und Arnold sind sehr zufrieden mit ihren Caipis aus Runde 1. Ich bin auch sehr zufrieden.
Ich habe vergessen, wie mein Cocktail heißt, den ich in dieser Runde zubereite. Es ist der Linke. Hinein kommen Wassermelone, Thaibasilikum, Ingwer und Limette. Und Wodka. Ich mache zu wenig rein und Angelique (die den Workshop gibt) schimpft über die mangelnde Balance meines Drinks. Diese trägt wiederum zu einer gesteigerten Balance meinerseits bei, denn zu diesem Zeitpunkt haben wir noch nicht zu Abend gegessen und es ist schon der zweite Cocktail

Runde III: The Miracle.
Wir checken um 9.30 aus, es regnet ein wenig, aber es ist wahnsinnig heiß. Wir fahren mit dem Taxi  an den Hafen und treffen dort wieder eine ganze Menge Nomaden. Gemeinsam fahren wir zwei Stunden lang mit einem Schiff auf eine Insel, dann steigen wir für eine zweistündige Fahrt auf einen Bus um, um dann noch einmal eine gute Stunde mit dem Boot zu fahren. Wir steigen aus, zahlen 5€ Kurtaxe und klettern dann zu unserer Unterkunft durch ein Stück Urwald den Berg hinauf. Werner, der sich hier seinen Lebenstraum verwirklicht hat, begrüßt uns herzlich. Abends treffen wir den Rest der Gruppe in einem wunderschönen kleinen Restaurant und wir essen gemeinsam.

Es kostet je nach dem wer fragt irgendwas zwischen 70 und 90 $BR um nach Morro zu kommen. Ob wir direkt fahren oder mit Umsteigen kann uns auch keine so richtig sagen. Willkommen in Brasilien.

In Salvador wohnen etwa 2,5 Millionen Menschen. Es kommt mir nicht so groß vor. Ich liebs.
Rebekka und Guido habe ich schon auf dem Kreuzfahrtschiff kennengelernt. Ich glaube, die beiden gehören zu den positivsten Menschen, die ich in letzter Zeit kennengelernt habe. Sie haben zusammen in Deutschland alles aufgegeben um zu reisen und von unterwegs aus zu arbeiten.
Am Hafen von Morro wird schnell deutlich, dass das die einzige richtige Schnittstelle zur Außenwelt ist. An einem Tag sind zum Beispiel alle Bankautomaten der Insel leer und kein Mensch kann Geld abheben. Die Einheimischen lächeln milde und raten einfach mal eins zwei Tage abzuwarten.

links sitzen Pete, ich und Josh, rechts Guido, Rebekka, Tobias und Zak. Zaks Bollerkopf überdeckt leider alle anderen.
Am nächsten Morgen machen Marco, Silvia und ich uns auf den Weg und wandern an einem Strand entlang in die nächste Bucht. Das dauert etwa eine halbe Stunde und ist unfassbar schön. Es sind kaum Leute da, die meisten Einheimisch und der Strand von Gamboa, der Nachbargemeinde, ist ungefähr so, wie meine Bildschirmschoner aussahen, als ich vierzehn war und Strandbilder mochte. Die mag ich jetzt immer noch, aber 1. habe ich keinen Bildschirmschoner mehr und 2. mache ich meine Strandbilder jetzt lieber selbst. Hier zum Beispiel. 
In Gamboa angekommen setzen wir uns an den Strand und bestellen einen im ganzen gegrillten Fisch, der fantastisch schmeckt. Wir genießen die leichte Brise im Schatten der Palmen, essen und spazieren dann zurück. Es gefällt mir unfassbar gut hier.


Der erste Hinweis darauf, dass ich eventuell jetzt weiß, wo das Paradies ist.
Das Gestein ist sehr weich und die Verwitterung bei den Temperaturen und der Luftfeuchte extrem schnell. Der Hang rutscht immer weiter ab. 

Der Fisch war fantastisch. Voller Gräten, aber zart wie Butter und natürlich frisch aus dem Meer.
Auf dem Heimweg sehe ich ein paar einheimische Jungs, die Salti ins Wasser schlagen. Ich mache Photos und zeige sie ihnen auf meinem Kameradisplay. Stolz klettern sie auf den Felsen rechts und machen Rückwärtssalto. Sie geben mir einen Facebooknamen. Abends schicke ich ihnen die Bilder und lese, dass der Beziehungsstatus dieses Dreizehnjährigen auf 'it's complicated' steht. Der Arme.
Am letzten Tag in Morro de São Paulo machen wir eine Bootstour (endlich mal wieder Boot fahren…) um die Insel. Die Sonne scheint, der Wind weht leicht. Nach einer halbstündigen Fahrt mit dem Speedboat entlang der Küste hält unser Kapitän kurz an. Wir wundern uns. Er zeigt aufs offene Meer und dann wird uns klar worum es geht: zwei Delfine umkreisen das Boot, kommen immer näher, machen kehrt und schwimmen fort. Ich hab kurz Gänsehaut.
Wir fahren weiter zum Schnorcheln in den piscinas naturais (Naturschwimmbecken). Das sind flache Stellen zwischen Sandbänken, wo sich Korallen angesiedelt und dementsprechend auch einige Arten und zwangsläufig auch eine auf einem Floß schwimmende Bar. 
Weiter geht es zu einem weiteren unglaublichen Strand, an dem wir frische Langusten essen, die gerade aus dem Meer gezogen wurden. Ich spaziere mit zwei weiteren Deutschen an der Küste entlang, wo wir nach etwa 45 Minuten Laufzeit wieder von unserem Kapitän eingesammelt werden. Bevor wir wieder nach Morro fahren, halten wir noch an einem Mangrovenwald, in dem feuerrote Krebs wohnen. Ich bin verzaubert. Und ich hab nen schlimmen Sonnenbrand auf den Schultern.

Hihihihi...

Es wird besser. Während mir vom Schnorcheln in Hawaii vor zwei Jahren so richtig seekrankschlecht wurde, klappt das diesmal überraschend gut.

Weil ich diesmal meine Unterwasserkamera nicht dabei habe, darf ich mir von dem netten Deutschen auf unserem Boot, der im gleichen Hostel wohnt wie wir, dieses Bild mopsen. Danach ist seine Unterwasserkamera voll gelaufen. Die SD-Karte konnte evakuiert werden.

Diese Langusten waren ungefähr das leckerste, das ich bis jetzt gegessen habe. Abgefahren.

Abends organisiere ich spontan noch ein Treffen der übrigen Leute vom Schiff. Es ist der letzte Abend mit ihnen, bevor ich nach Rio und der Rest nach Norden reist. So eine nette Gruppe.

Tags darauf ist alles schon wieder vorbei. Ich wäre gerne noch ein paar Tage geblieben, aber mein Flug nach Rio ist gebucht und dort muss ich hin, um mich meiner Tour nach Lima anzuschließen. Dass mich ein paar Jungs und ein Mädel aus Augsburg eingeladen haben, davor ein drei Nächte bei ihnen an der Copacabana zu schlafen, nehme ich dankend an. Marco, Silvia und ich steigen also wieder auf ein Boot, in einen Bus, auf ein weiteres Boot, in ein Taxi, in ein Flugzeug und wieder in ein Taxi und kommen nach 14 Stunden Reise erschöpft aber erleichtert auf der Avenida da Nossa Senhora de Copacabana an. Mein Bett teile ich mit Ximena, die ist zuckersüß, und macht, dass ich mich unter den bayrischen Buam nicht so alleine fühle.

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