Freitag, 27. November 2015

I'm on a boat.

Als meine Eltern mich zum Flughafen bringen regnet es in Strömen. Auf der Autofahrt reden wir kaum. Ich sitze hinten und schaue aus dem Fenster. Das Wetter setzt alles daran, dass ich den Herbst und den Winter in Deutschland nicht vermissen werde. Weihnachten hin oder her. Wir verabschieden uns am Terminal 2 und ich stelle mich in die lange Schlange von Pauschaltouristen, die mit mir nach Gran Canaria fliegen. Mein Rucksack wiegt 13.3 kg und das macht mich ein kleines bisschen stolz. Letztes mal waren es 14.7 kg.
Um kurz vor drei hebt das Charterflugzeug ab. Die Passagiere sind entweder unter sechs oder über sechszig. Und ich dazwischen. Klar. Kinder, die noch nicht zur Schule müssen und Pensionäre, die den Quatsch schon hinter sich haben. Ich schaue mich um und frage mich, ob sie nach der Landung klatschen werden. 

steigende Vorfreude dank der zentraleuropäischen Wetterlage

Reiseproviant und Reiselektüre: hält beides genau 3 Tage.
Der Flug verläuft ohne Probleme. Ich verschlafe zwei der vier Stunden und verbringe den Rest der Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen, mein Buch zu lesen und die Smarties zu essen, die mir Philipp und Julia dankenswerterweise als Wegzehrung mitgegeben haben. 
Wir landen gegen sechs Uhr im kanarischen Abendrot und sie klatschen. Beim Aussteigen merke ich, wie gut die Meeresluft meiner erkälteten Nase tut und als ich meinen Rucksack vom Gepäckband nehme, entscheide ich mich gegen das Taxi (30€) und für den Bus (2,30€). Mir hilft ein älterer Herr in Flipflops, dessen Namen ich nicht erfrage, weil er mir zu viel redet und zu viel fragt, dabei den richtigen Bus zu wählen. Als ich im Hotel ankomme ist es dunkel. Ich esse noch ein Sandwich in der Bar, bevor ich mich ins Bett lege und nach kurzer Zeit den Fernseher ausschalte um zu schlafen. Die Nachrichten aus Hannover passen mir nicht. Terror find ich zum kotzen.

24° und leichte Seebrise. Ich komm klar.
Livekorrespondenz aus Hannover, Bettzeit auf Gran Canaria.
Am nächsten Morgen nehme ich mir die Zeit und laufe etwas um das wunderschöne Hotel herum. Es liegt direkt an einem kleinen Park und hinter einer Straße, die von den Gran Canariern als Trimm-Dich-Pfad verwendet wird. Es gefällt mir. Die Sonne tut gut, die 27°C auch.
Um zwölf Uhr checke ich aus und nehme mir ein Taxi zum Hafen. Denke ich zumindest. Da der Taxifahrer leider kein Englisch spricht und mir aus irgendeinem Grund wirklich gar kein Spanisch einfällt, fahren wir zunächst in den Yachthafen. Fand ich auch ein bisschen gut, dass er dachte, ich sei eine dieser Touristinnen, die zum Yachthafen wollten (genau. Mit Rucksack und daran baumelnden Wanderschuhen)…Im Hafen gebe ich mein Gepäck ab und lerne in der Schlange Michael kennen. Er ist aus New York und hat gute Laune.* Außerdem spricht er naturgemäß Englisch, was die Kommunikation sehr erleichtert. Um dreizehn Uhr findet der Check-In statt. Die Schlange ist noch länger als beim Taschenabgeben. 800 Menschen wollen aufs Schiff, das damit noch lange nicht ausgebucht ist (was ich später auch dankbar wahrnehme). 

Das Jugendstilhotel Santa Catalina hat wunderschöne Palmen. Es ist das älteste der Insel.

Neben den üblichen jugendlichen Fitnessgruppen habe ich diese Jungs entdeckt.  
Mein Kabine ist mit der innenarchitektonischen Liebe der 80er und 90er Jahre ausgestattet. Ich finde sie wunderbar. Mein Bett ist groß und nicht zu weich, mein Fenster zeigt aufs Meer. Das Bad ist winzig. Ich habe einen Schrank, in dem ich den kompletten Inhalt meines Rucksacks ausbreite und aufhänge und ich bin überrascht, wie viel 13.3 kg in aufgehängt aussehen. Ich denke, ich werde durchkommen. 

In meiner Dusche hängt eine Wäscheleine. In meinem Bad gibt es leider keine Luftzirkulation, weshalb es etwa 3 Tage dauert, bis alles trocken ist. Silvia und Marco brechen das Eis und hängen ihr Zeug am Pool auf. Ab dann geht es deutlich schneller.

12 qm, davon 4 nur Bett.

Die nächsten Tage verlaufen ruhig. Das Frühstück verpasse ich regelmäßig, weil das schaukelnde Schiff mich wunderbar schlafen lässt (nachts und mittags…was gemessen an meiner sonst üblichen Seekrankheit auf Luftmatratzen und Surfboards wirklich erstaunlich ist). Mittags gibt es ein großzügiges Buffet mit einer langen Salatbar und gegrilltem Gemüse. Zweimal gab es sogar Guacamole. Abends hat man die Wahl. Marco und Silvia, mit denen ich später weiterreisen werde, verraten mir, dass ein Angestellter ihnen gesteckt hat, dass es wirklich nur zwischen 12.00 und 12.30 nichts zu essen gibt. Gottseidank.

Zum Frühstück gibt es Unmengen Obst. I'm in heaven.

Mit seiner flackernden Deckenbeleuchtung, den bunten Textilprints und der abgeschrabbten Messingverkleidung erinnert mich das Schiff ein wenig an ein sovietisches Freudenhaus. 
Ich bin glücklich. Das Wetter ist warm, aber nicht wolkenlos. Mir geht es besser. 
Ich war ja noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff und ich gestehe, dass die Vorstellung mir auch nicht so viel Freude bereitet hat. Aber skurriler Weise gefällt es mir wirklich gut. Nicht, dass ich das jetzt ständig machen wollte, aber es ist wirklich nicht so nervig wie befürchtet. Ich beobachte den Zumbakurs, die Stretchgruppe und die Chi Gong-Runde und muss kichern. Nichts für mich. Es laufen meist Charthits der letzten acht Jahre. Die hört man aber nur, wenn man sich an den falschen Stellen aufhält. Deck 7 hat draußen eine Laufbahn und wunderbare Liegestühle. von hier aus beobachte ich abends den Sonnenuntergang, der umgeben von nichts als Meer, wirklich besonders ist. Den ganzen Tag eingemummelt in der Sonne und im Fahrwind zu sitzen und zu lesen ist auch nicht zu verachten. Ich könnte auch im Bikini am Pool liegen, denn da ist es warm und windgeschützt, aber da sind Kinder und man hört leider auch die oben beschriebene Musik.

#nofilter

Ich liebe mein Schiff.

Das Poolwasser schwappt entsprechend des Wellengangs, was macht, dass man sich ein bisschen wie im Meer fühlt, wenn man gerade wieder eine Ladung Salzwasser abbekommt.

Der brasilianische Tanzstil ist eine Mischung aus Aerobic und Sex. Die beiden Animateure brüllen ins Mikrophon und ich freue mich, dass es nur 2 Animationen am Tag gibt.
Am vierten Tag wache ich auf und fühle mich erstmalig wieder richtig gut. Ich gehe sogar zum Yoga auf Deck 11 und liebe es. Es ist sieben Uhr morgens und die Sonne steht gefühlt schon fast senkrecht. Wir grüßen sie mehrfach und es macht unheimlich Spaß. Man hört das Brummen des Motors und die Wellen, die gegen das Schiff schlagen, man spürt die warmen Sonnenstrahlen und den Fahrtwind. So vergehen die Tage. Ich werde langsam brauner, gewöhne mich mehr und mehr an die steigende Hitze, beobachte Sonnenauf- und -untergänge, mache Yoga, hüpfe in den Salzwasserpool oder lese. Endlich Urlaub. Wenn es mir zu stumpf wird besuche ich die Workshops der Digital Nomaden, die sich hier eingenistet haben: ‚Writing an E-Book within a week‘ ‚Online marketing for beginners‘ oder ‚How to create a successful social media strategy‘. Hat theoretisch keine Bedeutung mehr für mich, interessiert mich aber trotzdem. Die Leute sind nett, ein bisschen Input schadet nicht. 

Anca (rechts) erklärt uns, wie man eine fundierte Socialmediastrategie entwickelt.
Dan (graues T-shirt) erklärt, wie er sich als* Werbetexter ortsunabhängig gemacht hat.
Die Tage werden noch heißer, die Sonne geht immer früher auf und die Luftfeuchte und die immer schneller vorbeiziehenden Wolken verraten, dass wir in den Tropen angekommen sind. Ich lerne Bernhard aus Amsterdam und Arnold und Nicole aus Frankfurt kennen, mit denen ich jetzt gerne meine Nachmittage verbringe. Wir spielen Tischtennis und plaudern und ich finde sie großartig. Bernhard macht den Fehler mich zu unterschätzen und fängt am zweiten Tag an, gegen mich zu verlieren, was mich (natürlich.) diebisch freut. Er gibt uns (trotzdem) Portugiesischunterricht, denn er liebt Brasilien und eine Brasilianerin und daraus ergibt sich, dass er sehr gut Portugiesisch spricht. Wir leider nicht. Das ist insofern nicht ganz optimal, als dass die meisten Brasilianer quasi gar kein Englisch geschweige denn Deutsch sprechen, aber ein paar Brocken Sprache und Hände und Füße müssen reichen. (Und ja, Mami, mein Restschulspanisch hilft mir ein bisschen und ja, du hast es schon damals gewusst.)


Arnold und Bernhard spielen meistens recht knapp. Wenn Arnold (rechts) in Führung liegt, fängt er meist an, auf französisch weiter zu zählen ('Avantage Allemagne').

Portugiesisch ist im Prinzip deutlich einfacher als Spanisch. Die Aussprache ist unterhaltsam. Tatsächlich heißt es auf portugiesisch [Riu dschi Dschaneru], nicht [Rio de Dschanero].
Am 26.11. gehe ich spontan mit von Bord und reise mit Sylvia und Marko nach Salvador ein. Ich habe den Cruise-Blues (für dich Philipp.) und keine Lust mehr auf Buffet und Chartshits und Wellengang. Außerdem sollen 800 Partywütige Brasilianer an Bord kommen. No quiero.
Nach dem Homelandsecuritykram beziehen Marko, Sylvia und ich unser Lager in der Altstadt Salvadors (dessen Besonderheiten ich wohl im nächsten Post aufführen werde) und reisen ab jetzt gemeinsam, bis ich am 4.12. in Rio auf meine Tourgruppe treffe.

In diesem Bild sieht man die Spiegelung des Schiffes in der Glasfassade des Hafengebäudes, seine Maltesische Flagge und ein irisches Ehepaar, dass frecherweise versucht hat, sich in der Schlange der Homelandsecurity vorzudrängeln.

Und das ist das Schiff von unten (im Hafen von Salvador). Eine Spazierrunde um Deck 7 dauert etwa 15 Minuten. Ich finde es recht groß.

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