Sonntag, 29. Dezember 2013

Nepal - Lumbini Chitwan Pokhra Kathmandu

Der Heilige Abend fängt für Sabrina und mich um halb fünf an. Die Rezeption ist am Telefon: ,Hello Miss, wake up call.‘ ,Hi. Thanks. Bye.‘ Sachen packen, ab nach Nepal. Wir fahren sechs Stunden, bis wir eine Frühstückspause machen. Ich finde die Absteige aber so eklig, dass ich lieber Datteln, Cracker und vier Oreos vom Lädchen esse, die mir keimfreier vorkommen, und dann fahren wir noch mal fünf Stunden bis wir die nepalesische Grenze erreichen. Der Bus bleibt in Indien, unser Gepäck wird auf Fahrradrikschas umgeladen, denen wir hinterher laufen, bis wir im indischen Mirgrationsbüro unsere Ausreise beantragen. Dann latschen wir weitere fünfzig Meter zum nepalesischen Einwanderungs Büro und kaufen uns für 25 $ ein Visum für fünfzehn Tage. Eine Dreiviertelstunde später setzt uns unser neuer (und letzter) Bus am Hotel in Lumbini ab. Wir essen gemeinsam Abend, singen (multilinguell und völlig unorganisiert) ein paar Weihnachtslieder (die meistens nach der ersten Stophe enden) und spielen Karten. Ohne die lieben Grüße von zu Hause hätte ich vielleicht vergessen, dass Weihnachten ist. Außer Sabrina und mir kommen schließlich alle aus englischsprachigen Ländern und feiern erst morgen Weihnachten.

Am einsamsten Rastplatz mit dem unsaubersten Restaurant an der holprigsten Straße der Erde machen wir Mittagspause.
Weil ich nicht im Lokal essen möchte, müssen Datteln, Cracker und Wasser reichen. Und die Oreos. Aber die sind schon leer.
Wir sollen nah bei den Rikshaws bleiben. Damit weder wir, noch unser Gepäck an der unübersichtlichen Grenze nach Nepal verloren gehen.
Am nächsten Morgen ist es neblig. Wir machen uns um neun Uhr auf den Weg zum Lumbini-Park, in dem etliche Tempel aus verallem asiatischen Ländern stehen, aber auch aus Frankreich, Österreich und Deutschland. Diese Länder senden regelmäßig Geldsummen zum Bau, zur Instandhaltung und zur Bewachung der buddhistischen Tempel. Weil Bhu findet, dass der deutsche Tempel der schönste auf dem Gelände ist, schauen wir uns diesen als erstes an. Wir ziehen unsere Schuhe aus, laufen auf das Tempelgrundstück und sehen uns um. Dann ziehen wir unsere Schuhe wieder an, laufen zum chinesischen Tempel, ziehen unsere Schuhe wieder aus, laufen herum, ziehen unsere Schuhe wieder an und laufen, und das ist das Besonderste am Lumbini-Park, zur Geburtsstätte Buddhas. Natürlich ziehen wir dafür auch wieder unsere Schuhe aus. Dann fahren wir weiter in Richtung Chitwan Nationalpark. Das Gelände, auf dem wir wohnen, ist wunderschön. Es gibt Ziegen, Büffel und Elefanten, eine Feuerstelle, einen wunderschönen Ausblick und (leider) viel zu kalte Bunglows, in denen wir wohnen. 

Das Tor zum deutschen Tempel. 
Der deutsche Tempel.
Ein Wunschrad, dessen Gebete man liest, während man es antreibt.
Schuhe aus, Schuhe an, Schuhe aus, Schuhe an….
Mönche laufen in Sockenschuhen rum. Die dürfen anbleiben.
Long hat mal 10 Rupien gekostet. Hatte aber wohl nicht genug Nachfrage... 
Die Thai-Buddhisten bringen zu ihren Pilgerfahrten Blattgold mit, dass sie dann an den jeweiligen Orten aufkleben. Die Restbuddhisten zupfen die abstehenden Goldecken ab und tupfen sie sich auf die Stirn. Das soll Glück bringen.
Während die Mönche ja eigentlich in Bescheidenheit leben soll, hat dieser seine Spiegelreflex dabei. Die dotzt, wenn er geht.
Aus dieser lokalen Küche stammt das Mittagessen. Ich hab nicht so großen Appetit. Irgendwie...
Donnerstags wachen wir um sechs Uhr auf. Eine Jeepsafari steht auf dem Programm. Ich komm nicht aus dem Bett. Klasse. Ich habe mir den Virus eingefangen, den mittlerweile fast jeder in der Gruppe mal hatte, und den einer der Engländer eingeschleppt hat. Halsweh, Kopfweh, Schnupfen. Gut, dass ich außerdem endlich auch einen geschredderten Magen-Darm-Trakt habe, weil ich offenbar irgendwas gegessen habe, in dem noch nicht alle nordindischen Keime abgetötet waren. Super. Gottseidank ist die Jeepsafari doof. Alle frieren und sehen wenige Rehe und ein Krokodil. Auch das Elefantenreiten lasse ich ausfallen und das war auch sehr kalt und auch nicht so spannend. Abends laufen wir ins Dorf. Weil die Aussicht auf warmes (hoffentlich durchgekochtes) Essen lockt, gehe ich mit und wir sitzen am Feuer, essen und quatschen.

Der Blick von der Terrasse ist nett. Ein bisschen trüb. Die Nepalesen müssen immer irgendwas verbrennen. Sogar im Nationalpark. 
Es ist Elefantenfestival in Chitwan und heute Abend ist Schönheitswettbewerb. Die Farbe ist normale Straßenkreide.
Muuuh.
Die klassische Tragemethode in Nepal: auf den Kopf hängen. Machen alle. Mit Heu, Wäsche, Holzscheiten und Kindern.
Am nächsten Morgens gehts wieder sehr früh weiter. Wir fahren nach Pokhra. Es geht immer weiter auf den Himalaya zu. Wir halten an einem der Urstromtäler und laufen über die Hängebrücke und gucken uns die schöne Landschaft an. Zum ersten Mal ist die Luft frisch und klar. Es weht ein leichter Wind und es ist ganz schön frisch. Eine Stunde später halten wir wieder. Es gibt Frühstück. Die Stimmung ist irgendwie ein bisschen gedrückt. Die Wolken hängen schwer in den Tälern und wir futtern leise in uns hinein. Dann kommen wir in Pokhra an. Nepals zweitgrößte Stadt. Die Stimmung wird besser, je näher wir an unser Hotel kommen. Alles ist bunt dekoriert, die Sonne bricht durch die Wolken, die Straßen sind geschäftig aber sauber, das Hotel gepflegt. Erst machen wir einen Spaziergang zur Orientierung durch die Stadt. Bhu bietet einigen von uns an, ein buddhistisches Klosterinternat zu besuchen. Das steht zwar nicht auf dem Plan, ist ihm aber eine Herzensangelegenheit und kurze Zeit später, eine der schönsten Erfahrungen meiner gesamten Reise. Abends essen wir in der Stadt. Wir müssen uns stärken für den nächsten Tag.

Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Sonne es durch die Wolken geschafft hätte. Hat sie nicht. Egal.
Nepal und Indien sind trotz der geographischen und historischen Nähe sehr unterschiedlich. Die Gewohnheiten ähnlich: Katzenwäsche auf der Straße. Für die Ärmsten in der Stadt, für fast alle auf dem Land.
Unter den schwimmenden Kanus sind ungefähr noch mal soviel untergegangene Kanus. Kümmert keinen. Noch ist ja genug Platz. 
Das Internat gibt es seit etwa vierzehn Jahren. Alles basiert auf großzügigen Spenden. Erst vor zwei Jahren hat man einen wunderschönen neuen Tempel gebaut. Alle Schüler haben mit angepackt.
Die Geldspenden werden aus Glaubensgründen nicht für die Speisen der Kinder genutzt. Dafür werden nur direkte Nahrungsspenden angenommen. Weil man uns alles zeigt und wir was tun wollen, bringen wir achtundachtzig Bananen und achtundachtzig Packen Kekse mit. Jedes Kind nimmt genau eins. Man vertraut ihnen.
Neunzig Schüler erhalten hier ihre Ausbildung. Fast alle sind tibetische Flüchtlinge und kommen aus der Region Mustang. Die ist so ab vom Schuss, dass man ein Spezialvisum braucht, um sich dort aufhalten zu dürfen. Die Menschen dort kennen nichts von der modernen Welt und haben wenig. Hier im Internat ist das Leben einfach, aber es reich und die Gemeinschaft stark.
Während die kleinen Murmeln spielen, powern sich die großen beim Basketball aus. Sie tragen ihre Uniformen und Sandalen und haben wenig System. Es gibt einen Korb, einen unebenen Betonboden und eine Spielform, die sich mir nicht erschließt. 'You are your own team.' Wert trifft hat drei Freiwürfe. Wer den Rebound holt, rennt zur Linie, versucht zu treffen und so weiter. Punkte zählt man keine, Schrittfehler auch nicht. Dafür sprechen alle sehr gut Englisch und studieren die Lehre des Buddhistischen Glaubens. 
Um vier Uhr dreißig klingelt Sabrinas Wecker. Es mag überraschend sein, aber ich stehe grundsätzlich etwa eine halbe Stunde nach ihr auf. Dann fahren wir auf einen Hügel und schauen uns mit etlichen asiatischen und nepalesischen Touristen den Sonnenaufgang an. Es dauert ewig, bis die Sonne endlich auftaucht. Aber sie kommt. Dann geht's ganz schnell. Der Annapurna-Gebrigszug leuchtet rot, die Sonne steigt als feuerroter Ball zwischen den Bergen empor und es sieht fantastisch aus. Zurück im Hotel schlafe ich noch einmal eineinhalb Stunden. Mir ist schweinekalt. Termostrumpfhosen, Fleece, Schal und zwei Decken helfen nicht. Sabrina findet, wir sollten Frühstücken. Das helfe bestimmt. Und als wir am See sitzen, ich meine Zimtschnecke esse und sie ihren Apfelkuchen, wird mir tatsächlich wieder warm. Um elf werden wir abgeholt und fahren zurück auf die Anhöhe des Morgens. Heute mache ich etwas, was ich wahrscheinlich nie gemacht hätte, wenn ich nicht zufällig gerade am höchsten Gebirge der Welt wäre: ich gehe Paragliden. Und bin danach ein bisschen stolz. 

Abgefahren, wenn der Sonnenaufgang fast einen Kilometer unter einem stattfindet.
Annapurna I ist 8019 m hoch und damit der zehnt höchste Berg der Welt.
Nepal find ich richtig gut. Richtig gut.  
Wir geben unsere Daten an, darunter auch eine Notfallkontaktperson. Ich schreib Mamis Namen hin. Find ich witzig, weil ich ihr extra nichts von meinem Vorhaben erzählt habe. Damit sie nicht schimpft.
So. Los jetzt.
Weil wir beim Start von einer kleinen Böe erwischt werden, schleift mich der Schirm durch die Böschung. Tut nicht weh, hinterlässt aber eine Million Kletten und Dornen in meiner Strumpfhose. 'Oh yeah, that happens because our ramp is so short.' Klasse.
Rocky, ich und unser Schirm in der Luft. Die ersten Minuten konzentriere ich mich einfach darauf, die Kletten abzuzupfen. Danach geht's. (Im Hintergrund der Zweig, den Rocky bei unserem Start gepflückt hat.)
Beim Landeanflug: Mir war schlecht (Seekrank, Überraschung.) deswegen sind wir gerade aus über den See geflogen, anstatt Akrobatik (?!?!?!?!?!) zu machen. Rocky fand mich ein bisschen langweilig, hatte aber Mitleid.
Alle Mutigen beim Mittagessen. Roman aus Moskau vorne links fanden alle nur so mittel. Er hat bei der Akrobatik auf den Ärmel seines Piloten gebrochen. Da bin ich lieber langweilig…(Hinten links ist übrigens meine Mitbewohnerin Sabrina.)
Abends ist Food-Festival in Pokhra.
Ausschlafen kommt diese Woche ein bisschen kurz. Am Sonntagmorgen klingelt mal wieder um halb sechs das Hoteltelefon. Weil ich aber schon wach bin (dank Sabrinas Wecker) antworte ich diesmal freundlicher. Wir fahren sechs Stunden lang nach Kathmandu, Nepals Hauptstadt. Dort angekommen quälen wir uns durch den Verkehr, der sehr an Delhi erinnert und besuchen als erstes den Affentempel außerhalb der Stadt. Dann fahren wir zu unserem Hotel, essen Mittag und machen dann zum letzten mal einen Orientierungsspaziergang. Kathmandu ist viel zu voll. Die offiziellen eine Millionen Einwohner quetschen sich auf 50.000 qkm. Das ist ungefähr doppelt so dicht wie Berlin. Und dazu kommen ja, wie auch in den ganzen indischen Städten noch mindestens eine halbe Millionen nicht offizielle. Der Verkehr ist dicht und die mittelalterlichen Gassen der Altstadt sind vollkommen verstopft. Aber bunt. Und pulsierend. Neben den primitiven Ständen und traditionellen Gewändern wuseln stylische Kids mit Designerhandtaschen und High-Techgeräten. Zwischen Gebäuden der letzten Jahrhunderte haben sich moderne Hochbauten geschummelt. Alles ist in Bewegung. Ein schöner Abschluss. Und sehr bezeichnend für die Gegensätze der letzten zwei Wochen.

Auch hier gibt es wieder Gebetsräder. Deutlich kleiner aber, als noch in Lumbini
Für einen Tourishot bin ich noch zu haben. Letztes mal!
Der Swayambhunath-Tempelkomplex könnte auch Taubentempel oder Hundetempel heißen. Aber die Affen dominieren.
Unten frische Früchte, oben freshe Sneakers. 
Die meisten Gassen der Altstadt sind noch nicht mal gepflastert. 
Weil nicht alle Besitzer alter Gebäude scharf auf den Fortschritt sind, ergeben sich solche interessanten Baukompromisse.
Der Zutritt zum Durbar-Square kostet eigentlich 750 Nepalesische Rupien. Nur für Touristen. Locals dürfen einfach so. Uns egal, wir laufen rein und keiner fragt.
Kathmandu zwischen den Anhöhen des Himalayavorlandes. Ur.ban.sprawl.
Nach einhunderteinundzwanzig Nächten in zweiundvierzig verschiedenen Betten, nach elf Starts und elf Landungen, sechs Zugfahrten, dreizehn Reisebusstrecken, sechs Fährfahrten, sieben Ländern, drei Kontinenten und unzählbaren neuen Bekanntschaften bin ich müde. Die letzten vier Monate waren atemberaubend, aufregend, anstrengend, voller unbezahlbarer Erfahrungen und unglaublicher Begegnungen. Ich habe gemerkt, wie lang sich wenige Tage anfühlen, wenn man zitternd auf ein Visum wartet, und wie schnell zwei Wochen vorbeigehen, wenn man jeden Tag neue Freunde auf Zeit kennenlernt und Orte erkundet, die schöner sind, als man sich das hätte je vorstellen können. Manchmal habe ich mich gelangweilt, manchmal geweint und ab und zu überlegt, ob ich nicht einfach nach Hause fliegen soll. Ich habe Vulkane bestiegen und auf einem Brett wieder hinunter gerutscht, Berge erklommen und mit einem Fallschirm hinunter gesegelt. Ich bin mit Krokodilen gepaddelt und Meeresschildkröten geschwommen, habe mich auf Flüssen und in Ozeanen treiben lassen, Paläste und Tempel bestaunt, Reichtum und Armut gesehen und Menschen kennengelernt, die mir die Türen zu ihren Häusern und Familien geöffnet haben, meinen Blick auf die Dinge verändert haben und zu großartigen Freunden geworden sind. Die ganze Zeit habe ich nicht gewusst, ob ich mich mehr auf den nächsten Ort oder auf die Ankunft in Deutschland freue. Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich mehr auf den Heimweg vom Frankfurter Flughafen nach Mainz, oder auf den Beginn meiner nächste Reise freue. Ich weiß aber, dass ich auftanken muss. Bei meiner wundervollen Familie und bei meinen fantastischen Freunden zu Hause, auf die ich mich am aller aller meisten freue. Vielen Dank, dass ihr mich auf der Reise begleitet habt, indem ihr meine Erzählungen gelesen und meine Bilder angesehen habt und mir mit euren lieben Reaktionen auf meine Berichte, euren E-mails und Nachrichten das Gefühl gegeben habt, dass ihr auch ein bisschen an mich gedacht habt. Jetzt ist es erstmal genug. Zeit zu feiern, dass ein aufregendes und wunderschönes Jahr zu Ende geht und dass unsere große Reise durch dieses Leben im nächsten Jahr genau so gut und hoffentlich noch ein kleines bisschen besser weiter geht. 

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