Samstag, 14. Dezember 2013

Japan - Tokio Kyoto Tokio

Während das Auffällige an der Landung in Hawaii die Außentemperatur war, ist es in Tokio eine Kamera, die die Körpertemperatur misst. Daneben stehen unübersehbare Schilder: HEALTH CHECK / QUARANTINE. Dass ich unmittelbar danach unzählige Gesichter mit Mundschutzmasken sehe erklärt sich von selbst. Willkommen in Asien. Nach einer eineinhalbstündigen Odyssee mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vom Flughafen Narita nach Tokio Stadt erklärt mir ein netter junger Mann, der mich zunächst ohne Mundschutz gefragt hat, ob ich Hilfe brauche (offensichtlich sah ich danach aus…), der dann aber eine Maske aufsetzt: er habe eine Erkältung und sei somit verpflichtet sein Umfeld zu schützen. Nett, diese Japaner, und so rücksichtsvoll. Überall. Kulturell bedingt. Man verbeugt sich zur Begrüßung, zum Abschied, sogar der Schaffner, bevor er das Abteil verlässt. Die Dame von den Verkehrsbetrieben führt mich persönlich zum Aufzug, drückt den entsprechenden Knopf und wünscht mir sich verbeugend einen schönen Abend und eine gute Fahrt. Als ich Hostel ankomme funktioniert meine Kreditkarte nicht. Klasse. Das Problem hatte ich ja vor zweieinhalb Wochen erst und auch da hat es richtig viel Spaß gemacht. Wenigstens wusste das Hostel, woran es lag und nach einem kurzen Telefonat mit Mastercard war dann alles geritzt. Weil die Aussicht auf temporäre Obdachlosigkeit in der winterlichen Tokioer Nacht nur so mittel war, war meine Erleichterung dementsprechend groß.

go! go! go! allez! allez! allez! ab nach Honolulu. 
Der Green-Tea-Frappuccino zwischen meinen Knien dient schonmal der mentalen Vorbereitung auf das, was jetzt noch kommt. Der Smoothie ist lecker und wenigstens nicht völlig ungesund. Die gesunden Frühstücksalternativen im Flughafen Honolulu eher beschränkt.
Die Ankunft in Tokio ist verheißungsvoll. 
Das erste Problem ist, dass ich um mich mit dem kostenlosen Flughafen-WiFi zu verbinden, die AGBs 'akzeptieren' soll, aber leider nicht weiß, auf welche Schriftzeichenkombination ich drücken muss.
Am nächsten Morgen wache ich um vier Uhr dreißig auf. Super. Jetlag. Ich stehe auf, dusche, Frühstücke eine Banane, Ananas und Nüsse aus dem SevenEleven gegenüber, weil das das einzige ist, was ich auch ohne Beschriftung erkenne, und skype mich Deutschland. Das tut gut. Dann mache ich mich auf zu Indischen Botschaft, wenn für meinen nächsten Stop benötige ich ein Visum. Ich google die Strecke, laufe trotzdem eine Viertelstunde in die falsche Richtung, verlaufe mich nochmal, ein freundlicher Polizist zeigt mir den Weg, ich finde die Botschaft und bekomme gesagt, dass außer Diplomaten- und offizielle Reisepässe hier nichts ausgestellt werde und ich doch zur Visaausgabestelle auf der anderen Seite der Stadt müsse. Als ich dort ankomme, muss ich im SevenEleven um deren Ecke (die gibt's hier nämlich wie Sand am Meer.) meinen Reisepass kopieren, mein Onlineformular weitere zweimal ausfüllen und ausdrucken, lege dafür 840 Yen hin, und weil Samstag ist, schließt man um 12. Um drei vor zwölf wird mein Name aufgerufen, hoffnungsvoll laufe ich zum Schalter um zu erfahren, dass ich den 7. August 1989 als mein Geburtstdatum angegeben habe und man deshalb meinen Antrag nicht bearbeiten könne. Ich raffe meine Dokumente zusammen, stampfe aus dem Raum und fange auf dem Weg zur Bahnstation an wie ein Schlosshund zu weinen. Super, Tokio. Arigato. Den Rest des Tages verbringe ich mit Mittagsschlaf, noch ein bisschen Weinen und Suppe und Grüntee-Eis (natürlich.) zum Abendessen.

Wenn man den Verlauf des Tages in Betracht zieht, dann kann das nur Zynismus gewesen sein. Kann nur. 
Da war ich noch gut gelaunt. Schließlich hatte der Polizist mir geholfen. Da wusste ich noch nicht, dass das quasi gar nichts wert war.
Diese armen Schlucker haben ich irgendwas falsch gemacht. Mein erster Fehler war, dass ich meinen Vornamen in einem Wort geschrieben habe. Die Inder akzeptieren meinen Bindestrich nicht. Dann musste ich das Formular nochmal ausfüllen und meinen Namen getrennt schreiben. Was nicht mein Name ist. 
Reissuppe und Grüntee-Eis. Ersteres okay, zweiteres so richtig gut.
Weil ich mir gedacht habe, vor Montag kann ich eh nichts mehr an meiner Visumstragödie ändern, habe ich mich entschieden, meinen Sonntag gutgelaunt zu verbringen. Immerhin habe ich auch neun Stunden geschlafen (von zehn bis sieben) und fühle mich deutlich fit wie ein Turnschuher als gestern. Ich finde, nach dem Debakel bedarf es einer Belohnung. Mein Plan ist es, nach Shibuya zu fahren und mich dem stumpfen Konsum hinzugeben. Mach ich auch. Weil ich aber schnell merke, dass so viele Güter, so viel Lärm und so viele Menschen ganz schön anstrengend sind, entscheide ich mich, den zweiten Teil des Tages im Shibuya-Ku, dem Park des Stadtteils zu verbringen. Hinzu kommt, dass ich wirklich sehr wenig von dem verstehe, was um mich herum passiert. Außer den U-Bahnstationen, gibt es wenig, dass auf Englisch übersetzt wird, kaum jemand spricht Englisch oder kann auf einfachstem Niveau darin kommunizieren. Dass es in den Geschäften Shibuyas die meisten Kleidungsstücke in nur einer Größe (!!!!!!!!!), nämlich small, gibt, trägt nicht dazu bei, dass mein Selbstwertgefühl steigt. Ich fühle mich fett und verloren. Eine Alliteration. Und furchtbar traurig.

Als ich in Shibuya ankomme, ist noch alles geschlossen. Zu Stoßzeiten laufen hier bis zu zehntausend Menschen in einer Ampelphase über die Kreuzung. 
Cheesecurry. WTF?!
Diese Girlies warten darauf, dass um zehn Shibuya 109 aufmacht. Mit Kleidergröße 'small' haben sie in Tokyos populärsten Kaufhaus nicht viel zu verlieren. Wie schön für sie.
Einmal Wasserschneckenessenz für ins Gesicht, bitte.
Zu der schlanken Linie der Japanerinnen trägt vielleicht auch bei, dass 'Tall' bei Starbucks Japan tatsächlich eine Größe größer ist als 'small'. Und dass 'small' dann tatsächlich auch klein ist. 
Auf der Rückseite dieser Neunkommafünfliterflasche Helium steht nicht etwa, wie man erfolgreich Luftballons aufbläst. Viel wichtiger war dem Hersteller, dass der Kunde weiß, wie man das Helium richtig einatmet um beim Karaokeauftritt zu glänzen. Natürlich.
Das Kind ist mein Highlight des Tages. Vielleicht auch ihr Plüschsnoopy. Aber ich glaube, eigentlich das Kind.
Japan ist ungefähr so groß, wie Deutschland mit dem Hessen doppelt. Dafür gibt es einskommasechsmal so viele Menschen. Ü. BER. ALL.
AUSSER! HA! als ich im Park heimlich links abbiege und plötzlich ganz alleine auf einem Weg stehe. Zwar nur ein kurzes Stück, aber immerhin. 
Der Meiji-Jingu Schrein wird heute, wie alle anderen Schreine, die ich mir noch angucken werde von wahnsinnig vielen Schulklassen besucht. Die meisten Japaner, die den Schrein aus spirituellen Gründen aufsuchen machen sich extra schick und sehen in ihren Kimonos umwerfend schön aus.
Damit dem stumpfen non-asiatischen Touristen keine Fehler unterlaufen. Zum Beispiel beim Nudeln essen.
Ich halte mich an alle Regeln, bestelle keine Nudeln mehr nach und lasse die Fleischklumpen unangerührt. Es schmeckt interessant, ganz lecker, hinterlässt aber den schlimmsten Nachgeschmack, den ich meine je gehabt zu haben.
Montags wache ich auf und bin bereit, die Visumsaffäre mit neuem Mut anzugehen. Ich habe alle Daten mehrfach abgeglichen, alles doppelt ausgedruckt und fahre gut gelaunt zur Visaausgabestelle. Der Inder, der mich Samstags noch behandelt hatte, als sei ich ein wenig debil, begrüßt mich freundlich, erklärt mir geduldig, wo ich noch unterschreiben muss, druckt FÜR MICH meine Seite nochmal aus (weil der Hosteldrucker das nicht im richtigen Format gemacht hat) und bescheinigt mir, meinen Antrag mit dem Stichwort 'urgent' versehen zu haben. Klasse! Ich freu mich. So sehr, dass ich zurück im Hostel den kleinen Supermarkt im Kellergeschoss stürme und mir einen Klumpen Gouda, ein Päckchen Gouda und ein bisschen Butter kaufe, mich in den Gemeinschaftsraum des Hostels setze, über die Dächer Tokios blicke und nicht mehr das Haus verlasse, damit mir nichts mehr widerfährt, was diesen Freudentaumel stören könnte. Stattdessen haue ich mich in das heiße Bad (weil Vulkanismus. natürlich.), skype mit Deutschland und auch mit Glen in Canada, und gehe früh ins Bett.

Joyful, joyful!
Dienstags regnet es. Nicht sofort, aber während meines Frühstücks ziehen die dunkelschwarzen Wolken über die Stadt und die Regentropfen peitschen gegen die große Glasfront des Speiseraums. Ein wunderbarer Tag, um Sachen zu machen, die drinnen stattfinden. Und wie gut, dass ich im Tag meiner Ankunft in Tokio die Werbung zur 'Ever and Never: The art of Peanuts'-Ausstellung gesehen habe. Ab nach Roppongi!
Ich finde, wer auch immer für die Schuluniformen der Grundschüler verantwortlich war hat sich einen besonderen Preis verdient.
Auch wenn es meiner Ansicht nach eine Winteredition mit langer Hose geben sollte. Gibt es aber nur für die Großen. 
Ungefähr so wie der Snoopy im oberen Bild fühle ich mich, als ich den Einlassstempel (drei S!) auf meiner linken Hand betrachte.
Die Ausstellung wurde vom Charles M. Schulz Museum in Santa Ana, CA zur Verfügung gestellt. Dementsprechend waren die Comicstrips gottseidank auf Englisch, obwohl alle (!) Information ausschließlich auf Japanisch war. 
Das Mori Kunstmuseum liegt im 53. Stock eines Nobeleinkaufszentrums. Dieses bietet zur Zeit einen 'German Christmasmarket' an. Unteranderem mit einem Käthe Wohlfahrt Stand...
Und dem berühmten deutschen Curry Dog...
Ich hatte mein Hostel bis Mittwoch gebucht und deshalb checke ich um 10.30 aus, fahre nach dem Frühstück zum Bahnhof und nehme den 13.00 Uhr Zug nach Kyoto. Der Shinkansen ist der japanische Schnellzug. Zum Thema Wlan, Fußraum, Freundlichkeit des Personals und Sauberkeit lässt sich nur ergänzen, dass die Japaner hier sogar den Amtrak in einen sehr sehr dunklen, sonnenlosen Schatten stellt. Dafür ist der Preis (13.540 Yen (ug. 100 €)) für eine zweieinhalbstündige Fahrt ganz schön happig. In Kyoto angekommen denke ich mir zum ersten mal, dass ich Japan richtig gut finde. Ich glaube, Tokio ist mir zu groß und zu voll. Kyoto hingegen hat immer noch eine gute Million Einwohner, scheint aber deutlich übersichtlicher, weniger schnell, laut, chaotisch und anonym.

Der Shinkansen sieht ein bisschen aus wie Einschnabeltier. Die Flamingofrauen hüpfen bei Ankunft des Zuges hinein, räumen innerhalb von zehn Minuten alles auf, klopfen aus, wischen ab und machen neu, hüpfen raus und die Passagiere rein. Jeder Sitz ist reserviert, alles läuft leise und organisiert ab.
Der Kyototower begrüßt die Reisenden an der Kyotoer Zentralstation. Und mich an der Busstation eine freundliche Kyotoerin, die sogar Englisch spricht, um die Ecke meines Hostels wohnt und mir eine diesen Hilfe ist.
Das Hostel ist erst dieses Jahr eröffnet worden. Es liegt am Rand der Innenstadt und am Fuße eines Hügel, auf dessen Gipfel der Kiyomizu-der Tempel liegt. Den guck ich mir zu Sonnenuntergang noch an, bevor ich mit Alex und Reese (zwei Australiern) Abendessen gehe.
und meinen Nachtisch zur Vorspeise mache. Hier gibt es sogar Matchabaumkuchen. Warum also nicht auch Matchasofteis?!
Kyoto ist klasse. Leider habe ich nur zwei Tage hier, denn Freitags muss ich ja schon wieder nach Tokio um meinen Reisepass und mit ein bisschen Glück auch mein Visum in der Indischen Botschaft abzuholen. Ich frühstücke im Hostel, mache mich auf den Weg zur Hauptstraße, biege falsch ab, lande in einer Gasse voller wunderhübscher Schreine, laufe die Hauptstraße hoch und runter, durchs Geisha-Viertel, gönne mir eine Fußmassage, kaufe mir eine neue Thermostrumpfhose, weil es in Kyoto gute acht Grad kälter ist als in Tokyo und esse Udon, meine japanischen Lieblingsnudeln. Im SevenEleven treffe ich Albert wieder, der aus New York kommt, auch in meinem Hostel wohnt und mit dem ich gestern eine Flasche Weißwein eliminiert habe. Das tat bei all dem Trubel mal ganz gut.

Als ich den ersten Pancake gegessen habe, kam der Kellner vorbei und fragte, ob ich noch mehr Sahne wolle. Ich musste grinsen und bekam doppelt nach.
Wunschtäfelchen mit gaaanz vielen Japanischen Wünschen. 
Keine Gnade für Touris. 
Die Zwei machen Werbung für das Kyotoer Aquarium. Ich habe heute leider keine Zeit, bekomme aber trotzdem ein Photo mit den beiden.
Wieder lecker, wieder ein befremdlicher Nachgeschmack. Das Schnitzel ist übrigens frittierter Fisch.
Ich finde, der Himmel ist in Japan ein bisschen blauer als an den meisten anderen Orten.
Die Taxis haben hier Herzchen auf dem Dach. Find ich süß. 
Und mein Hostel Porzellan. Auch nett.
Am Freitag ist schon wieder abreise Tag nach Tokio. Ich verpasse beinahe den Check-out, weil ich lange schlafe (in Vorbereitung auf Indien…), frühstücke am Bahnhof und hüpfe für weitere dreizehntausend Yen in den Zug zurück in die Hauptstadt. Am Nachmittag komme ich an, fahre direkt in die Botschaft, warte ein bisschen und bekomme dann tatsächlich meinen Reisepass zurück mit der frisch eingeklebten Visumsseite. Ich freue mich unglaublich, setze mich in ein zuckersüßes Café um die Ecke, sortiere meine Bilder, arbeite meinen Blog und genieße die Stille. Heute finde ich Tokio schön. Nicht nur wegen meines Visums. Auch weil die Sonne scheint und ich mich ein bisschen auskenne. Zumindest den Weg zur Visaausgabestelle der Indischen Botschaft. Aber das reicht mir für mein Abendglück.
Olé Olé!!!
Japanische Musik in schön. Drei Stunden lang. Ich war völlig verblüfft.
Der Samstag ist herrlich sonnig. Ich mag Tokio plötzlich. Als ich um elf auschecke, suche ich mir einen  Spaziergang durch Asukasa aus, dem Vorort, in dem mein Hotel liegt. Interessanterweise sind deutlich weniger Leute unterwegs, als in Shibuya und der Gegend um Iidabashi. Asukasa ist eher Altstadt als Neustadt. Hier gibt es hinter den Hochhäusern auch flacherer Gebäude und Einfamilienhäuser. Ich laufe an der Flusspromenade entlang, zum Asukasa Shrine, zum Kaminarimon Gate und dann durch eine Straße, in der alles zur japanischen Kochkunst verkauft wird. Dann mache ich mich auf zum Hauptbahnhof, von wo aus ich den Reisebus zum meinem Hotel am Flughafen nehme. Morgen früh geht es weiter. Ich freu mich.

Mami! Frühstück!
Spot the American! (kleiner Tipp: es ist nicht die Frau in lila.)
Ein Pose setzt sich durch.
In den Brunnen unter dem Lampion schmeißt man Münzen und erhofft sich davon, mit Wohlstand gesegnet zu werden. 
Sayonara!

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