Dienstag, 22. Oktober 2013

USA - New York Boston

Nachdem ich aus Philadelphia zurückgekommen bin, brauche ich erstmal eine Pause. Ich verbringe den ganzen Mittwoch in Jogginghose und Schlabberpulli auf Alisons und Jons Couch in Brooklyn und lasse mich vom Fernseher berieseln, koche mir was zu essen und warte aus bessere Zeiten. Als Jon und Alison abends nach Hause kommen schlagen sie vor zum Pubquiz um die Ecke zu gehen. Für mich ein Grund, mich endlich anständig zu kleiden und außerdem vielversprechend, weil Alison und Jon Juristen sind und daher klug sein müssen und weil ich so gerne gewinne denke ich, dass das gute Voraussetzungen sind. Alison nennt unser Team 'Mainz 05', ich füge mich und gemeinsam holen wir in der ersten Runde 9 von 10 Punkten. Ich kann überraschenderweise meinen Beitrag leisten, weil ich weiß, dass die Queen Mary I im Hafen von Long Beach liegt (warum auch immer...). Die Runden danach sehen leider schlechter aus. Und als es darum geht, Horrorfilme zu raten und Filmzitate zu erkennen hilft Jon (und Mainz '05) sein Harvardabschluss leider auch nichts mehr. Wir gewinnen nicht, aber es macht trotzdem Spaß.

Jägermeister hatten sie interessanterweise keinen. Wollt ich auch nich.
New Mexico war leider falsch. Nevada wäre richtig gewesen.
Die nächsten zwei Tage verbringe ich damit, mit überraschend häufig zu verlaufen bzw. zu verfahren. Donnerstagsabends hole ich Haley von der Arbeit ab, sie zeigt mir ihr Büro, wir gehen mexikanisch Essen und danach Frozen Yogurt (Natürlich.). Am Freitag fahre ich zum Campus der Columbia, wo meine Freundin Alysa ihr Auslandsemester verbringt. Das Wetter ist traumhaft und der Campus auch. Nach dem Mittagessen holen wir Cheese Cake in der Magnolia Bakery (natürlich.) und fahren in ihr Wohnheim, das eine noch traumhaftere Dachterrasse hat und fantastisch liegt. Wir verputzen einen Teil des Kuchens und schon mache ich mich auf den Weg nach Harlem um Jessi zu besuchen, die ich seit Silvester nicht mehr gesehen habe. Sie macht ihren Master an der Manhatten School of Music und wohnt in einer hübschen WG nördlich des Central Parks. Wir sitzen einfach auf ihrem Bett und quatschen zweieinhalb Stunden lang. Abends (ver)fahre ich nach Downtown, wo Alison und Jon fünfundvierzig Minuten lang auf mich warten müssen. Nach dem veganen (natürlich.) Abendessen fahre ich mit dem Zug nach Long Island, um von dort aus am nächsten Morgen zur Penn-Station zu fahren, weil von dort der Zug nach Boston fährt.

Haleys Cubicle im Großraumbüro ist überraschend persönlich.
Nicht schön, aber nass.
Lyse wirft ihr Haar zurück und geht dann mit mir Sushi essen.
Die Aussicht von ihrer Dachterrasse entschädigt mich ein wenig dafür, dass Nele und ich nicht aufs Empire State Building konnten, weil das Wetter so doof war.
Jessis Zimmer ist gemütlich, trotz ihres knautschigen Bed-Bug-Bettbezugs. 'Ich dachte, weil ich ja in Harlem wohne ist das keine so schlechte Idee...'
Am nächsten Morgen fahre ich also nach Boston. Im Zug sitzt hinter mir ein Mann mit langem, weißem Rauschebart, der sich mir als Gyuri Hollósy vorstellt. Er sei in Deutschland geboren worden, deshalb spricht er noch ein paar Brocken Deutsch. Tatsächlich ist er Ungar, der in Amerika aufgewachsen ist und Künstler. Er bittet mich, sich neben ihn zu setzen, damit er mir die Skulpturen auf seinem Laptop zeigen kann, die er aus Bronze gießt. Eine steht in Boston auf dem Liberty Square und ich freue mich darauf, sie mir in echt anzuschauen. In Boston angekommen vergessen Gyuri und ich auszusteigen, weil wir uns so blendend unterhalten, ist aber gottseidank die Endstation.

Mein Frühstück: Haferbrei mit Rosinen, Mandeln und Zuckerzimt.
Dann fahre ich mit der Orange Line in den Süden, denn Google Maps hat mir gesagt, dass dort mein Hostel steht. Google Maps ist richtig blöd. Es schickt mich in einen vollkommen falschen Teil der Stadt, der mir zwar sehr gut gefällt, in dem aber definitiv nicht mein Hostel steht. Ich laufe mit meinem gesamten Gepäck durch die Straßen und spreche einen Mann an, der sympatisch aussieht, ob er mir den Weg beschreiben kann. Guy, so heißt der Mann, googlet kurz und erklärt mir dann, dass ich etwa eine Stunde von meinem Hostel entfernt bin, aber wenn ich möchte, könnte ich auf einen Happen zu essen mit in die 'Community Orchard' einem Gemeinschaftsbeet der Nachbarschaft mitkommen und ein paar nette Leute treffen. Ich ignoriere meine Zweifel, weil das Beet eh auf dem Weg zur Bahnhaltestelle liegt und ich mir denke, weiterlaufen kann ich immernoch. Aber Guy hat recht. Alle nett. Alle ein bisschen Öko, viele Kinder, viel Liebe. Ich werde wahnsinnig freundlich gegrüßt, esse Suppe, trinke selbstgepressten Apfelsaft und pflücke Zitronenmelisse aus dem Kräutergarten und muss an Eva denken. Als es nachmittags wird und ich beschließe mich auf den Weg in mein Hostel zu machen sagt Guy: 'I've got a proposal for you. My wife, my son and I live right around the corner in a big house and we always have guests. If you want to save some money you are welcome to stay with us.' Ich entschließe mich, mir das Ganze mal anzusehen. Wir laufen von der Orchard über die Straße zu seinem Haus und dort macht uns Shari die Haustür auf. Sie strahlt mich an und bittet mich herein, aber auch, leise zu sein, weil ihr Sohn Avery (zwei) oben schläft. Wir gehen in die Küche und ich werde gelöchert: über meine Reise, wo ich herkomme, was ich mache und vorhabe, ob ich die Katze (Armin) ertrage und allergisch auf essen reagiere. Das Haus ist wunderschön, alt und sehr sauber. Guy zeigt mir mein Zimmer und fragt mich, ob ich abends mit zum Laternenumzug um den See kommen möchte. Ich möchte.

In der Community Orchard dürfen alle pflanzen und ernten was sie wollen.
Butternutsquashsweetpotatosoup, selbstgemacht und natürlich im abbaubaren Becher.
Die Girlies basteln ihre Laternen für den Lauf heute Abend
Noah hat Dreadlocks und einen Bart. Und eine Apfelsaftpressmaschine.
Avery schmeckts.
Weil Umweltbewusstsein hier großgeschrieben wird, sind die Laternen aus alten Plastikflaschen.
Am nächsten Morgen riecht das ganze Haus nach frischem Toast. Ich jogge zum, um und vom See wieder zurück, Dusche und frühstücke Omelette, Toast und Birnen. Dann fahren wir gemeinsam in die Stadt, weil Shari und Guy mir Beacon Hill, die schönste Wohnsiedlung der Stadt, zeigen wollen. Und es ist wirklich traumhaft. Dann brigen sie mich zur Bahnhaltestelle, von der aus ich zu Patrick an den Campus des Boston College fahre. Dort angekommen werde ich von ihm abgeholt, er zeigt mir den Campus, die Sportanlage und seine Freundin. Die ist super. Ziemlich hübsch und sagt ziemlich oft 'like', aber das find ich nicht so schlimm, weil sie ziemlich clever und schlagfertig ist und das find ich sympathisch. Gemeinsam essen wir mittag, Frozen Yogurt und laufen zurück zur Bahnhaltestelle, von der aus ich vier Stunden nachdem ich angekommen bin wieder in die Stadt fahre. Dort angekommen ist es schon dunkel und so kalt, dass ich doch lieber weiter nach Jamaica Plain fahre. Guy und Shari haben mir ihren Haustürschlüssel gegeben, sind aber da als ich ankomme. Shari und Avery spielen in der Küche, Guy spielt seine Tapes ab, denn er ist Berufsmusiker. Deshalb steht hier auch ein Flügel, mehrere Gitarren und eine Menge Percussioninstrumente. Ich mache mir einen Tee und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

Avery hat seinen Rasenmäher mit in die Stadt genommen.
Sharis Kamera findet er auch okay, die bewegt sich und blinkt manchmal rot.
Gleiche Halle. Patricks Basketballparkett wird einfach drüber gebaut. Das auf dem Eisfeld sind übrigens Frauen. Deshalb sind nur so wenig Zuschauer da.
die Million-Dollar-Stairs heißen so, weil sie soviel gekostet haben, weil im Winter beheizt werden können. Und plötzlich ergeben die 26.000$ Studiengebühren pro Semester und Student wieder Sinn.
Patrick ist nur noch einen Kopf größer als ich. Ich denke, bald hab ich ihn. 
Leah hat Geschmack. Im Eisladen nimmt sie Schokieis mit Himbeerfrozenyogurt und heißer Schokisauce.
Mein dritter Tag in Boston beginnt langsam aber genau so sonnig wie die Tage davor. Nach dem Frühstück fahre ich in die Stadt und laufe am Hafen entlang, zurück zu Downtown Crossing und durch den Stadtpark und den Public Garden. Das mit den Grünanlagen können sie, die Bostoner. Mittags fahre ich dann zum Harvard Campus. Der ist sehr schön. Nicht ganz so imposant wie Columbia und Boston College, aber charmant und herbstlich. Als die Sonne nicht mehr ganz so warm ist gehe ich zu Starbucks und feiere meine eigene kleine Teaparty. Dann laufe ich zum Passim Club. Dort findet heute Abend ein Story Slam statt. Ein bisschen wie ein Poetry Slam aber weniger poetisch als alltäglich. Das Thema ist 'magic' und die Auslegung von Magie so unterschiedlich wie die zehn Kandidaten. An meinem Tisch sitzen Maddie und Carrie. Zwei Freundinnen aus Boston, die sich nett mit mir unterhalten und das gleiche essen wie ich. Dann fahre ich nach Hause, komme auf dem Weg an einem Schokiladen vorbei und lasse mich hinreißen, für 3,99$ (!!!) eine Tafel Ritter Sport für Shari und Guy zu kaufen.

Das ist die Statue, die Gyuri, der Mann aus dem Zug, gefertigt hat.
und das ist meine Aussicht beim Mittagessen. Geht eigentlich.
Und das bin ich auf einer Parkbank im Park.
Die bunten Stühle stehen im gesamten Innenhof des Harvard Campusses. Sitzen darf man umsonst. Ins Internet auch. 
Herr Harvard.
Carrie (links) und Maddie (rechts) setzen sich zu mir und sind gut gelaunt. Das gefällt mir.
Mein letzter Tag in Boston beginnt so sonnig wie alle anderen auch. Als ich mit Carina skype setzt sich Avery zu mir und wir spielen Kieselsteinewerfen auf meiner Matratze und auch Kieselsteine aufeinander klackern. Dann frühstücke ich mit Avery und Shari und die beiden bringen mich zur Bahnstation. Ich freue mich über meine neuen Freunde und bin ein bisschen traurig, dass ich nur drei Tage lang in Boston war. Aber weil mich Vancouver als nächste Station erwartet, ist das nicht ganz so schlimm.

Avery und seine Kieselsteineschachtel
Auf dem Weg zur Bahnstation pflückt Shari wilde Trauben, die unglaublich süß und lecker schmecken. Avery auch: 'Want mohore.'
Weil Avery keine Lust mehr hat zu laufen, kommt er auf Sharis Schultern. Weil er auch von dort aus mähen kann, findet er das nicht so schlimm.

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