Sonntag, 29. Dezember 2013

Nepal - Lumbini Chitwan Pokhra Kathmandu

Der Heilige Abend fängt für Sabrina und mich um halb fünf an. Die Rezeption ist am Telefon: ,Hello Miss, wake up call.‘ ,Hi. Thanks. Bye.‘ Sachen packen, ab nach Nepal. Wir fahren sechs Stunden, bis wir eine Frühstückspause machen. Ich finde die Absteige aber so eklig, dass ich lieber Datteln, Cracker und vier Oreos vom Lädchen esse, die mir keimfreier vorkommen, und dann fahren wir noch mal fünf Stunden bis wir die nepalesische Grenze erreichen. Der Bus bleibt in Indien, unser Gepäck wird auf Fahrradrikschas umgeladen, denen wir hinterher laufen, bis wir im indischen Mirgrationsbüro unsere Ausreise beantragen. Dann latschen wir weitere fünfzig Meter zum nepalesischen Einwanderungs Büro und kaufen uns für 25 $ ein Visum für fünfzehn Tage. Eine Dreiviertelstunde später setzt uns unser neuer (und letzter) Bus am Hotel in Lumbini ab. Wir essen gemeinsam Abend, singen (multilinguell und völlig unorganisiert) ein paar Weihnachtslieder (die meistens nach der ersten Stophe enden) und spielen Karten. Ohne die lieben Grüße von zu Hause hätte ich vielleicht vergessen, dass Weihnachten ist. Außer Sabrina und mir kommen schließlich alle aus englischsprachigen Ländern und feiern erst morgen Weihnachten.

Am einsamsten Rastplatz mit dem unsaubersten Restaurant an der holprigsten Straße der Erde machen wir Mittagspause.
Weil ich nicht im Lokal essen möchte, müssen Datteln, Cracker und Wasser reichen. Und die Oreos. Aber die sind schon leer.
Wir sollen nah bei den Rikshaws bleiben. Damit weder wir, noch unser Gepäck an der unübersichtlichen Grenze nach Nepal verloren gehen.
Am nächsten Morgen ist es neblig. Wir machen uns um neun Uhr auf den Weg zum Lumbini-Park, in dem etliche Tempel aus verallem asiatischen Ländern stehen, aber auch aus Frankreich, Österreich und Deutschland. Diese Länder senden regelmäßig Geldsummen zum Bau, zur Instandhaltung und zur Bewachung der buddhistischen Tempel. Weil Bhu findet, dass der deutsche Tempel der schönste auf dem Gelände ist, schauen wir uns diesen als erstes an. Wir ziehen unsere Schuhe aus, laufen auf das Tempelgrundstück und sehen uns um. Dann ziehen wir unsere Schuhe wieder an, laufen zum chinesischen Tempel, ziehen unsere Schuhe wieder aus, laufen herum, ziehen unsere Schuhe wieder an und laufen, und das ist das Besonderste am Lumbini-Park, zur Geburtsstätte Buddhas. Natürlich ziehen wir dafür auch wieder unsere Schuhe aus. Dann fahren wir weiter in Richtung Chitwan Nationalpark. Das Gelände, auf dem wir wohnen, ist wunderschön. Es gibt Ziegen, Büffel und Elefanten, eine Feuerstelle, einen wunderschönen Ausblick und (leider) viel zu kalte Bunglows, in denen wir wohnen. 

Das Tor zum deutschen Tempel. 
Der deutsche Tempel.
Ein Wunschrad, dessen Gebete man liest, während man es antreibt.
Schuhe aus, Schuhe an, Schuhe aus, Schuhe an….
Mönche laufen in Sockenschuhen rum. Die dürfen anbleiben.
Long hat mal 10 Rupien gekostet. Hatte aber wohl nicht genug Nachfrage... 
Die Thai-Buddhisten bringen zu ihren Pilgerfahrten Blattgold mit, dass sie dann an den jeweiligen Orten aufkleben. Die Restbuddhisten zupfen die abstehenden Goldecken ab und tupfen sie sich auf die Stirn. Das soll Glück bringen.
Während die Mönche ja eigentlich in Bescheidenheit leben soll, hat dieser seine Spiegelreflex dabei. Die dotzt, wenn er geht.
Aus dieser lokalen Küche stammt das Mittagessen. Ich hab nicht so großen Appetit. Irgendwie...
Donnerstags wachen wir um sechs Uhr auf. Eine Jeepsafari steht auf dem Programm. Ich komm nicht aus dem Bett. Klasse. Ich habe mir den Virus eingefangen, den mittlerweile fast jeder in der Gruppe mal hatte, und den einer der Engländer eingeschleppt hat. Halsweh, Kopfweh, Schnupfen. Gut, dass ich außerdem endlich auch einen geschredderten Magen-Darm-Trakt habe, weil ich offenbar irgendwas gegessen habe, in dem noch nicht alle nordindischen Keime abgetötet waren. Super. Gottseidank ist die Jeepsafari doof. Alle frieren und sehen wenige Rehe und ein Krokodil. Auch das Elefantenreiten lasse ich ausfallen und das war auch sehr kalt und auch nicht so spannend. Abends laufen wir ins Dorf. Weil die Aussicht auf warmes (hoffentlich durchgekochtes) Essen lockt, gehe ich mit und wir sitzen am Feuer, essen und quatschen.

Der Blick von der Terrasse ist nett. Ein bisschen trüb. Die Nepalesen müssen immer irgendwas verbrennen. Sogar im Nationalpark. 
Es ist Elefantenfestival in Chitwan und heute Abend ist Schönheitswettbewerb. Die Farbe ist normale Straßenkreide.
Muuuh.
Die klassische Tragemethode in Nepal: auf den Kopf hängen. Machen alle. Mit Heu, Wäsche, Holzscheiten und Kindern.
Am nächsten Morgens gehts wieder sehr früh weiter. Wir fahren nach Pokhra. Es geht immer weiter auf den Himalaya zu. Wir halten an einem der Urstromtäler und laufen über die Hängebrücke und gucken uns die schöne Landschaft an. Zum ersten Mal ist die Luft frisch und klar. Es weht ein leichter Wind und es ist ganz schön frisch. Eine Stunde später halten wir wieder. Es gibt Frühstück. Die Stimmung ist irgendwie ein bisschen gedrückt. Die Wolken hängen schwer in den Tälern und wir futtern leise in uns hinein. Dann kommen wir in Pokhra an. Nepals zweitgrößte Stadt. Die Stimmung wird besser, je näher wir an unser Hotel kommen. Alles ist bunt dekoriert, die Sonne bricht durch die Wolken, die Straßen sind geschäftig aber sauber, das Hotel gepflegt. Erst machen wir einen Spaziergang zur Orientierung durch die Stadt. Bhu bietet einigen von uns an, ein buddhistisches Klosterinternat zu besuchen. Das steht zwar nicht auf dem Plan, ist ihm aber eine Herzensangelegenheit und kurze Zeit später, eine der schönsten Erfahrungen meiner gesamten Reise. Abends essen wir in der Stadt. Wir müssen uns stärken für den nächsten Tag.

Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Sonne es durch die Wolken geschafft hätte. Hat sie nicht. Egal.
Nepal und Indien sind trotz der geographischen und historischen Nähe sehr unterschiedlich. Die Gewohnheiten ähnlich: Katzenwäsche auf der Straße. Für die Ärmsten in der Stadt, für fast alle auf dem Land.
Unter den schwimmenden Kanus sind ungefähr noch mal soviel untergegangene Kanus. Kümmert keinen. Noch ist ja genug Platz. 
Das Internat gibt es seit etwa vierzehn Jahren. Alles basiert auf großzügigen Spenden. Erst vor zwei Jahren hat man einen wunderschönen neuen Tempel gebaut. Alle Schüler haben mit angepackt.
Die Geldspenden werden aus Glaubensgründen nicht für die Speisen der Kinder genutzt. Dafür werden nur direkte Nahrungsspenden angenommen. Weil man uns alles zeigt und wir was tun wollen, bringen wir achtundachtzig Bananen und achtundachtzig Packen Kekse mit. Jedes Kind nimmt genau eins. Man vertraut ihnen.
Neunzig Schüler erhalten hier ihre Ausbildung. Fast alle sind tibetische Flüchtlinge und kommen aus der Region Mustang. Die ist so ab vom Schuss, dass man ein Spezialvisum braucht, um sich dort aufhalten zu dürfen. Die Menschen dort kennen nichts von der modernen Welt und haben wenig. Hier im Internat ist das Leben einfach, aber es reich und die Gemeinschaft stark.
Während die kleinen Murmeln spielen, powern sich die großen beim Basketball aus. Sie tragen ihre Uniformen und Sandalen und haben wenig System. Es gibt einen Korb, einen unebenen Betonboden und eine Spielform, die sich mir nicht erschließt. 'You are your own team.' Wert trifft hat drei Freiwürfe. Wer den Rebound holt, rennt zur Linie, versucht zu treffen und so weiter. Punkte zählt man keine, Schrittfehler auch nicht. Dafür sprechen alle sehr gut Englisch und studieren die Lehre des Buddhistischen Glaubens. 
Um vier Uhr dreißig klingelt Sabrinas Wecker. Es mag überraschend sein, aber ich stehe grundsätzlich etwa eine halbe Stunde nach ihr auf. Dann fahren wir auf einen Hügel und schauen uns mit etlichen asiatischen und nepalesischen Touristen den Sonnenaufgang an. Es dauert ewig, bis die Sonne endlich auftaucht. Aber sie kommt. Dann geht's ganz schnell. Der Annapurna-Gebrigszug leuchtet rot, die Sonne steigt als feuerroter Ball zwischen den Bergen empor und es sieht fantastisch aus. Zurück im Hotel schlafe ich noch einmal eineinhalb Stunden. Mir ist schweinekalt. Termostrumpfhosen, Fleece, Schal und zwei Decken helfen nicht. Sabrina findet, wir sollten Frühstücken. Das helfe bestimmt. Und als wir am See sitzen, ich meine Zimtschnecke esse und sie ihren Apfelkuchen, wird mir tatsächlich wieder warm. Um elf werden wir abgeholt und fahren zurück auf die Anhöhe des Morgens. Heute mache ich etwas, was ich wahrscheinlich nie gemacht hätte, wenn ich nicht zufällig gerade am höchsten Gebirge der Welt wäre: ich gehe Paragliden. Und bin danach ein bisschen stolz. 

Abgefahren, wenn der Sonnenaufgang fast einen Kilometer unter einem stattfindet.
Annapurna I ist 8019 m hoch und damit der zehnt höchste Berg der Welt.
Nepal find ich richtig gut. Richtig gut.  
Wir geben unsere Daten an, darunter auch eine Notfallkontaktperson. Ich schreib Mamis Namen hin. Find ich witzig, weil ich ihr extra nichts von meinem Vorhaben erzählt habe. Damit sie nicht schimpft.
So. Los jetzt.
Weil wir beim Start von einer kleinen Böe erwischt werden, schleift mich der Schirm durch die Böschung. Tut nicht weh, hinterlässt aber eine Million Kletten und Dornen in meiner Strumpfhose. 'Oh yeah, that happens because our ramp is so short.' Klasse.
Rocky, ich und unser Schirm in der Luft. Die ersten Minuten konzentriere ich mich einfach darauf, die Kletten abzuzupfen. Danach geht's. (Im Hintergrund der Zweig, den Rocky bei unserem Start gepflückt hat.)
Beim Landeanflug: Mir war schlecht (Seekrank, Überraschung.) deswegen sind wir gerade aus über den See geflogen, anstatt Akrobatik (?!?!?!?!?!) zu machen. Rocky fand mich ein bisschen langweilig, hatte aber Mitleid.
Alle Mutigen beim Mittagessen. Roman aus Moskau vorne links fanden alle nur so mittel. Er hat bei der Akrobatik auf den Ärmel seines Piloten gebrochen. Da bin ich lieber langweilig…(Hinten links ist übrigens meine Mitbewohnerin Sabrina.)
Abends ist Food-Festival in Pokhra.
Ausschlafen kommt diese Woche ein bisschen kurz. Am Sonntagmorgen klingelt mal wieder um halb sechs das Hoteltelefon. Weil ich aber schon wach bin (dank Sabrinas Wecker) antworte ich diesmal freundlicher. Wir fahren sechs Stunden lang nach Kathmandu, Nepals Hauptstadt. Dort angekommen quälen wir uns durch den Verkehr, der sehr an Delhi erinnert und besuchen als erstes den Affentempel außerhalb der Stadt. Dann fahren wir zu unserem Hotel, essen Mittag und machen dann zum letzten mal einen Orientierungsspaziergang. Kathmandu ist viel zu voll. Die offiziellen eine Millionen Einwohner quetschen sich auf 50.000 qkm. Das ist ungefähr doppelt so dicht wie Berlin. Und dazu kommen ja, wie auch in den ganzen indischen Städten noch mindestens eine halbe Millionen nicht offizielle. Der Verkehr ist dicht und die mittelalterlichen Gassen der Altstadt sind vollkommen verstopft. Aber bunt. Und pulsierend. Neben den primitiven Ständen und traditionellen Gewändern wuseln stylische Kids mit Designerhandtaschen und High-Techgeräten. Zwischen Gebäuden der letzten Jahrhunderte haben sich moderne Hochbauten geschummelt. Alles ist in Bewegung. Ein schöner Abschluss. Und sehr bezeichnend für die Gegensätze der letzten zwei Wochen.

Auch hier gibt es wieder Gebetsräder. Deutlich kleiner aber, als noch in Lumbini
Für einen Tourishot bin ich noch zu haben. Letztes mal!
Der Swayambhunath-Tempelkomplex könnte auch Taubentempel oder Hundetempel heißen. Aber die Affen dominieren.
Unten frische Früchte, oben freshe Sneakers. 
Die meisten Gassen der Altstadt sind noch nicht mal gepflastert. 
Weil nicht alle Besitzer alter Gebäude scharf auf den Fortschritt sind, ergeben sich solche interessanten Baukompromisse.
Der Zutritt zum Durbar-Square kostet eigentlich 750 Nepalesische Rupien. Nur für Touristen. Locals dürfen einfach so. Uns egal, wir laufen rein und keiner fragt.
Kathmandu zwischen den Anhöhen des Himalayavorlandes. Ur.ban.sprawl.
Nach einhunderteinundzwanzig Nächten in zweiundvierzig verschiedenen Betten, nach elf Starts und elf Landungen, sechs Zugfahrten, dreizehn Reisebusstrecken, sechs Fährfahrten, sieben Ländern, drei Kontinenten und unzählbaren neuen Bekanntschaften bin ich müde. Die letzten vier Monate waren atemberaubend, aufregend, anstrengend, voller unbezahlbarer Erfahrungen und unglaublicher Begegnungen. Ich habe gemerkt, wie lang sich wenige Tage anfühlen, wenn man zitternd auf ein Visum wartet, und wie schnell zwei Wochen vorbeigehen, wenn man jeden Tag neue Freunde auf Zeit kennenlernt und Orte erkundet, die schöner sind, als man sich das hätte je vorstellen können. Manchmal habe ich mich gelangweilt, manchmal geweint und ab und zu überlegt, ob ich nicht einfach nach Hause fliegen soll. Ich habe Vulkane bestiegen und auf einem Brett wieder hinunter gerutscht, Berge erklommen und mit einem Fallschirm hinunter gesegelt. Ich bin mit Krokodilen gepaddelt und Meeresschildkröten geschwommen, habe mich auf Flüssen und in Ozeanen treiben lassen, Paläste und Tempel bestaunt, Reichtum und Armut gesehen und Menschen kennengelernt, die mir die Türen zu ihren Häusern und Familien geöffnet haben, meinen Blick auf die Dinge verändert haben und zu großartigen Freunden geworden sind. Die ganze Zeit habe ich nicht gewusst, ob ich mich mehr auf den nächsten Ort oder auf die Ankunft in Deutschland freue. Jetzt weiß ich nicht, ob ich mich mehr auf den Heimweg vom Frankfurter Flughafen nach Mainz, oder auf den Beginn meiner nächste Reise freue. Ich weiß aber, dass ich auftanken muss. Bei meiner wundervollen Familie und bei meinen fantastischen Freunden zu Hause, auf die ich mich am aller aller meisten freue. Vielen Dank, dass ihr mich auf der Reise begleitet habt, indem ihr meine Erzählungen gelesen und meine Bilder angesehen habt und mir mit euren lieben Reaktionen auf meine Berichte, euren E-mails und Nachrichten das Gefühl gegeben habt, dass ihr auch ein bisschen an mich gedacht habt. Jetzt ist es erstmal genug. Zeit zu feiern, dass ein aufregendes und wunderschönes Jahr zu Ende geht und dass unsere große Reise durch dieses Leben im nächsten Jahr genau so gut und hoffentlich noch ein kleines bisschen besser weiter geht. 

Montag, 23. Dezember 2013

Indien - Neu Delhi Jaipur Agra Orchha Varanasi

Mit Air India zu fliegen hat sich irgendwie nach Risiko angefühlt. Vor allem, nachdem ich gelesen habe, dass es vor drei Jahren noch einen Absturz mit Toten gegeben hatte. Offenbar hat man die Katastrophe genutzt um das staatlich geführte Unternehmen komplett neu aufzurollen. Das Flugzeug war nagelneu. Ich hatte unglaublich viel Beinfreiheit, konnte meine Rückenlehne weit verstellen, wurde mit leckerem Essen bedient und hatte sogar ein USB-Slot neben meinem individuellen Entertainmentcenter. Am Flughafen in Neu Delhi angekommen ist es wieder deutlich wärmer als in Tokio. Und zu meiner großen Überraschung noch voller. Ich schnappe mir ein Taxi. Dabei achte ich gezielt darauf, eines auszuwählen, das noch alle Bestandteile beisammen zuhaben scheint. Es kostet mich 600 Indische Rupien bis zum Grand Hotel. Ja, richtig. Fünf Sterne. Hab nen super Deal gefunden und muss sagen, dass ich das nach der fünfzigminütigen Taxifahrt dahin auch redlich verdient habe. Ich entscheide mich, während der Fahrt an die Decke zu starren. Wenn man Leute vom Verkehr in Neu Delhi sprechen hört, dann sollte man glauben, was sie sagen. Egal ob sie schon mal da waren oder nicht. Die Legende lebt. Wir teilen uns die Hauptstraße mit Tuktuks, Fahrradrikschas und unbeleuchteten Rostlauben. Dass hier Spuren eingezeichnet sind ist völliger Quatsch. Sie hätten sich auch für Schnörkel oder bunte Herzchen entscheiden können. Wer vorbei will hupt, und zwar so lange, bis er vorbei ist. Ob man sich dann für eine der Spuren entscheidet oder auf der Mitte fährt wird von der Kreativität des Fahrstils bestimmt. Interessant, aufregend und ganz schön anstrengend. 

Für meine fünf Sterne bekomme ich eine Badewanne, einen Bademantel, Hausschuhe, das volle Kosmetikprogramm, zwei Flaschen Wasser und einen mittelmäßigen Fernsehempfang mit britischen Sendern, was eine willkommene Abwechslung zu den asiatischen Optionen des Vorabends ist.  
Das Bett ist wahnsinnig bequem. Ich stelle aber fest: wenn man aufstehen muss, um die Fernbedienung vom anderen Ende des Bettes zu greifen, dann ist das Bett einfach zu groß. Auch wenn es fünf Sterne hat. 
Die fünf Sterne konnten mich auch nicht davor bewahren, einen Schuh zu verlieren. Das finde ich sehr schade. Ich kann mir auch nicht so richtig erklären, wie das passieren konnte...
Am nächsten Morgen schlafe ich aus. Schon wieder dreieinhalb Stunden Zeitverschiebung. Ich checke zum spätesten Zeitpunkt aus, esse für 11€ (!!! immer noch im 5 Sterne Hotel) zu Mittag und fahre dann für weitere 6 € mit dem Taxi ins Treffpunkthotel meiner Tour. Vier Engländer, zwei Australier, zwei Russen, eine weitere (zuckersüße) Deutsche, mit der ich mein Zimmer teile, eine Amerikanerin, eine Südafrikanerin und ein Kanadier. Wir verstehen uns blendend, laufen nachmittags durch die nebelsmogdunstige Innenstadt Neu-Delhis und gehen abends in einem lokalen Restaurant essen. Es schmeckt fantastisch.

Mut, Hoffnung, Gleichgültigkeit. Irgendwie scheint jeder Inder fest daran zu glauben, dass ihm heute nichts passieren wird.
Zum Thema Smog. Das links über dem Baum ist die Nachmittagssonne, das rechts eines der Regierungsgebäude.
Hinter mir könnte man eigentlich das Indian Gate sehen. 
Als ich zwei Vorspeisen und eine Suppe statt einer Hauptspeise bestellen wollte, sagte der wohlmeinende Kellner: "Well, I think that will be too much. You can order one and if you are still hungry you can have more, yes?". Nach der Shoppingmisere in Tokio genau das was ich hören wollte. Aber er hatte recht. Am Ende war ich pappsatt. Die Gefüllten Champignons waren großartig.
Dienstagsmorgens klingelt um sieben der Wecker. Sabrina ist klasse. Sie redet morgens nicht viel aber genug, immer freundlich und rücksichtsvoll. Das ist super, weil ich so nicht genervt bin. Wir fahren um viertel vor acht nach Jaipur. Nach vier Stunden machen wir Mittagspause und fahren dann nochmal zwei Stunden durch. Wir kommen in unserem Hotel an und es ist wunderschön. Eine kleine Oase. Ein ehemaliger Palast, den die Familien dank staatlicher Subventionen und strenger Auflagen erhalten haben und der traumhaft aussieht. Das Personal spricht Englisch und ist ziemlich witzig. Wir machen einen langen Spaziergang durch Jaipur, das sauberer und weniger überfüllt ist als Neu Delhi, aber immer noch vollkommen uneuropäisch. Am Abend gucken wir uns einen Bollywoodfilm an. Wir verstehen nichts und gehen nach der Hälfte, aber die Erfahrung war es wert und das Kinogebäude auch. Die anschließende Tuktuk-Fahrt gibt mir den Rest. Ich bin trotzdem gut gelaunt, aber auch wirklich unglaublich müde.
Der Innenhof des Hotels fühlt sich ein bisschen an wie Südfrankreich. Natürlich ist er mit einem riesenhohen Zaun geschützt. Der Tourist soll sich schließlich sicher fühlen.
Omhhhhh…
Das tägliche Bild: Ziegen und Kühe in der Stadt. Meistens 'grasen' sie auf Müllhalden oder laufen ziellos durch die dicht befahrenen Straße.
Die Abfälle auf der Straße nähren auch die unzähligen Tauben.
Das Raj Mandir Movie Theater gibt's schon ewig. Als die Hauptrollen in Slowmotion eingeblendet werden bricht die Hölle los. Männer, Frauen und Kinder jubeln und klatschen als wären ihre Lieblingsschauspieler tatsächlich vor Ort.
Weil der Mittwoch unser einziger Tag ist, den wir komplett in und um Jaipur verbringen werden, will Bhu, unser Reiseführer, die Zeit gut nutzen. Um sechs Uhr fünfundzwanzig klopft man an unserem Hotelzimmer, aber Sabrina und ich sind eh schon wach, weil um sechs der Muezzin seines Amtes gewaltet hat und ich ein bisschen gefroren habe. Wir lassen uns Zeit. Um viertel vor sieben erscheinen wir zum Frühstück, stopfen uns mit Omelette und Toast voll und fahren um Punkt mit allen anderen los zum Amber Fort außerhalb der Stadt. German Efficiency. Das Fort ist riesig und diente früher mal als Palast des hiesigen Königs. Heute vor allem als Drehort für die Tanzszenen von Bollywoodfilmen. Es ist sonnig und zu so früher Stunde sind kaum Touristen da. Wir laufen über das Gelände und gucken uns fast jedes Detail an. Dann geht es zurück Richtung Stadt, vorbei am Wasserschloss und dann zum Stadtpalast. Am Abend sind wir alle ein bisschen erschlagen. Wir gehen in eines der lokalen Restaurants und futtern uns für zwei Euro fünfzig den Bauch voll. Um halb neun machen Sabrina und ich uns bettfertig, denn am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Agra.

Während die Straßenhunde alle Tollwut haben und ausgemärgelt sind, ist dieser Hotelhund gesund. Und alt und dick. 
Das Amber Fort heißt so, weil die Farbe der Fassaden an Bernstein erinnert.
Weil es im Frühjahr mehrere Unfälle mit den armen Elefanten gab, gibt es neue Regelungen. Stadt neun Stunden am Tag, dürfen sich (gottseidank) nur noch vier Stunden am Tag die Rampen zum Fort hochlaufen und dabei statt vier Personen nur noch zwei transportieren. Wir laufen einfach selbst.
Früher hat hier der König gewohnt. Mit seinen Konkubinen und legitimen Ehefrauen. Und dem Volk von Amber. 
Bhu hat gerufen, ich soll 'something with action' machen. Hab ich gemacht.
Das Wasserschloss liegt direkt hinter der Stadtmauer. Es liegt zwei Meter unter dem Wasserspiegel und dient der Bespaßung der Maharajafamilie von Jaipur im Sommer. Die Menschen im Boot fischen Müll aus dem Wasser. Unmengen Müll.
Der Blockdruck ist eine alte, aussterbende Kunst. Ein Muster benötigt zwischen einem und neun Stempel. Alle Farben sind natürlichen Ursprungs und verbleichen quasi nie. 
Der Mann im angeschlossenen Geschäft war der Ansicht, dass wir Saris anprobieren sollten. Ich hab mich für die indischen Nationalfarben entschieden. Mein T-Shirt passt super. Aber der Sari ist klasse. 
Diese zwei Hübschen wollten danach noch ein Photo mit mir. The Euopean Face. Yes?!
Abends gibt's Thali. Das heißt eigentlich nur, dass man ein Tablett mit ganz vielen Schälchen mit leckeren Sachen bekommt. Ein bisschen wie Tapas. Nur schärfer.
Um fünf Uhr dreißig klopft es, wir packen und klettern ohne Frühstück in den Bus. Das gibt es drei Stunden später irgendwo zwischen Jaipur und Agra. In Agra fahren wir direkt zum Agra Fort, das dem von gestern ziemlich ähnelt außer, dass es rot ist statt gelb. Nach dem Mittagessen kommt unser aller Highlight: das Taj Mahal. Wir verbringen mindestens zwei Stunden dort, könnten wahrscheinlich noch länge. Das Wetter ist super, es ist viel zu voll, aber recht gut organisiert und wir kommen alle auf unsere Kosten. Unser Hotel in Agra ist ein bisschen eklig. Sabrina und ich beschweren uns und auch Adam und Ash, die beiden Australier, haben ein schmutziges Zimmer bekommen. Wir glauben, es ist ein Wasserrohrbruch, aber das ist uns egal, denn es stinkt und tropft von der Decke und das will keiner von uns vieren. Irgh. Wir bekommen ein Zimmer mit nur einem Bett gezeigt, dass wir dankend ausschlagen, nehmen dann eins mit einem Doppelbett, bei dem das gesamte Bad überschwemmt, wenn man die Klospülung betätigt. Als ich mich nachdrücklich empöre zeigt man mir drei weitere Zimmer, die ich sehr genau untersuche. Weil beim letzten nur der Wasserhahn lose ist und der Teppich ein bisschen schmutzig, schlage ich zu unter der Bedingung, dass diese beiden Mängel auch noch behoben werden.


Das Agra Fort ist röter als das Amber Fort. Diente der Agraer Königsfamilie und ist dem Amber Fort von der Konstruktion her recht ähnlich…dementsprechend waren wir dann auch erstmal bedient, was Paläste angeht.
Was ja viele nicht wissen: Das Abbey Road Cover der Beatles stammt eigentlich von hier. 
Türmchen und Palmen lenken den Blick vom Müll-verstopften Burggraben. 
Keiner von uns wusste warum, aber allen ging es ähnlich: das Taj Mahal lässt einen kurz verstummen und nicht glauben, dass man wirklich davor steht.
Am nächsten Morgen dürfen wir mal ausschlafen. Das ist so mittel gut, weil wir dementsprechend länger in dem ekligen Hotel bleiben. Aber dann geht's los. Wir nehmen den Bus zur Bahnstation und steigen in den Zug nach Jhansi, von wo aus wir dann weiter mit dem Tuktuk nach Orchha fahren. Der Zug ist okay. Alles riecht hier nach chemielastigem Reinigungsmittel. Der Zug, die Hotelbäder, die Lobbies. Mit der Geschwindigkeit einer Regionalbahn fahren wir Richtung Osten und sehen endlich mal das andere Indien. Weniger Menschen, Grünflächen, aber dennoch wahnsinnig viel Plastikmüll. In Orchha angekommen gehen die anderen Abends noch zum Tempel, irgendeine Hindizeremonie angucken. Weil ich vollkommen erschlagen bin, gehe ich um neun ins Bett und schlafe bis zum nächsten Morgen durch.


Die Bahnstation in Agra ist recht gut organisiert, voller Menschen und mit vielen undefinierbaren Flüssigkeiten am Boden. Der Bus schmeißt uns entsprechend der Regeln erst raus und verlässt uns dann. 
In Janshi angekommen. Die Jugendlichen lungern an der Bahnstation rum und spielen mit ihren Handys. Feels like home.
Nachdem mir der Tuktukfahrer meine Kamera zurück gibt, scherzen wir noch, dass es unser 'before-picture' sei. Weil wir mehrfach beinahe frontal mit Trucks und Kleinbussen zusammenstoßen, sehen wir danach tatsächlich völlig gerädert aus. Das sind übrigens Ash und Adam.
Orchha ist klein, leidet auch massiv unter der Armut der Bevölkerung, an den Straßenständen verkaufen kleine Kinder die Waren ihrer Eltern, sofern diese noch leben, und auch hier teilt man sich seine Verkehrswege mit Kühen, Ziegen und Hunden. Der Drang der Königsfamilien, alles wieder prachtvoll instand zu setzen ist noch nicht angekommen. Die Gebäude sind alt, tragen eine dunkle Patina und was zerstört wurde, hat man nicht wieder aufgebaut. Hier konserviert man, anstatt zu restaurieren. Ich finde, dass ist deutlich charmanter. Ich fühle mich wohler als in den Großstädten und den prunkvollen Festungen der Vortage. Weniger Einheimische, weniger Touristen, weniger Luftverschmutzung. Wir verbringen unsere Zeit in den Ruinen alter Paläste und machen am Abend einen Kochkurs bei einer Bekannten von Bhu. Wir dürften mitschnippeln, alles notieren, photographieren, selber kochen und am Ende gottseidank auch selber essen. Der Tag endet mit der Weiterfahrt nach Varanasi. Wir nehmen den Nachtzug. Das war eine Erfahrung wert. Ich weiß nicht, wie oft ich das noch machen werde in meinem Leben. Und vielleicht nie mehr in Indien…

Wieder ein Königspalast, wieder eine Geschichte um Götter, Herrscher und schöne Frauen. Das indische Mittelalter  war ganz schön durchtrieben.
Die meisten Touris an den jeweiligen Orten kamen tatsächlich aus Indien. Blonde Frauen aus Europa werden so zum Lieblingsmotiv. Andersherum kleiden sich auch die Angestellten in wunderschönen Saris und erhoffen sich davon, dass man ein Photo mit ihnen macht und ihnen dann 10 Rupien zusteckt.
Rajni ist sechsundzwanzig, hat zwei Kinder, einen Mann und gibt's öfters mal Kochkurse. Hier tupft sie mir einen Begrüßungspunkt zwischen die Augenbrauen und hängt mir eine Blumenkette um. 
Brian und Ash rollen den Teil für das Brot aus. Obwohl Brian Koch ist, sehen Ashs Fladen besser aus. 
Unser erstes gemeinsames Thali. Mit Guave-Chutney, Reiscurry, Auberginencurry und Kartoffelcrurry, Joghurtrati und Spinat. 
An Jhansis Bahnstation gibt es einen Raum für alle und einen nur für Girlies. Wir teilen uns auf, gucken Bollywoodfilme auf dem Röhrenfernseher und warten auf den Zug. Warum der Mann auch in unseren Raum durfte? "Oh, this is India! No rules men. No, no."
Über mir schläft Sabrina. Das ist unaufregend und gut. Gegenüber jedoch schlafen vier Männer, von denen mindestens zwei einen ganzen Urwald fällen. Durch meine Ohropax durch...
Wir kommen gegen mittag in Varanasi an und sind zunächst froh, dass das Hotel so nah am Bahnhof liegt. Keiner von uns hat so richtig gut geschlafen und die letzten Stunden seit Tagesanbruch waren ganz schön zäh und anstrengend. Wir checken ein, duschen, putzen die Zähne und ziehen uns frische Klamotten an. Nachmittags machen wir einen Spaziergang zur Orientierung, steigen dann auf Fahrradrikschas und düsen durch Varanasi zum Ganges. Der Verkehr in Varanasi ist kein bisschen besser als in den anderen Städten. Und so eine Fahrradrikscha gibt einem im Vergleich zum Tuktuk noch weniger das Gefühl von Sicherheit. Wir überleben, steigen um aufs Boot und betrachten die Stadt vom Fluss aus. Der stinkt zwar im Moment nicht, wie immer behauptet, ist aber auch wirklich kein bisschen sauber. Am nächsten Tag kommt ein Yogalehrer vorbei uns führt uns in seine Kunst ein. Umgeben von Baulärm und Schleifstaub ist es schwer die meditative Stimmung aufrecht zu erhalten. Darum kümmern wir uns danach bei einer Stunde ayurvedischer Massage. Die ist super. Und auch die Tuktukfahrt zurück zum Hotel kann uns die Entspannung nicht nehmen. Morgen früh, geht es um fünf Uhr weiter nach Nepal. Indien ist verrückt, laut und schmutzig, einzigartig, wunderschön und mystisch. Wenn man die Menschen vom 'Magical India' sprechen hört, dann weiß ich jetzt, was gemeint ist.

Alle süß. Alle Tollwut.
Es liegt nahe, dass viele Kühe an Plastikteilen in der Lunge verenden.
Weil Sabrina und ich zusammen ungefähr sieben mal so schwer sind wie unser Rikschahfahrer haben wir ein ähnlich schweres Gewissen.
Überall wo hier Sediment zu sehen ist, sind eigentlich Treppen. Im Sommer flutet der Ganges diese und im Winter legt er hier seine Ladung ab. Dieses Jahr schiebt die Regierung dem knappen Budget die Schuld zu, weshalb man die Treppen nicht freilegen konnte.
Das falschrumme Hakenkreuz ist ein hinduistisches Symbol für Glück und Leben. Für mich jedesmal wieder ein komischer Anblick. 
Wir fahren an einem Krematoriumsplatz direkt am Ufer vorbei, an dem ich nur noch heimlich dieses Photo mache. Hier verbrennt man die Verstorbenen und wirft ihre Asche in den Fluss. Es gibt fünf Sorten Körper, die man traditionell nicht verbrennt: Schwangere, Kinder unter sieben, durch einen Schlangenbiss Vergiftete, Mönche und Leprakranke. Man glaubt, dass, falls noch Leben in ihnen steckt, dieses im Ganges wiedererweckt würde. Mittlerweile ziehen Umweltschützer von Dorf zu Dorf und klären die Menschen darüber auf, dass das eher unwahrscheinlich ist, die Konsequenzen für die Umwelt aber sehr greifbar.
Wir lassen Kerzen in Blüten ins Wasser und wünschen uns was. Das machen alle und es sieht hübsch aus. 
Abends schauen wir vom Boot aus neun hinduistischen Mönchen bei ihrem abendlichen Ritual zu. Die Stimmung ist elektrisierend. Die Menschen friedlich. Namaste, India!